{"id":155,"date":"2021-02-14T08:46:18","date_gmt":"2021-02-14T08:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/christian-papesch.de\/?page_id=155"},"modified":"2021-12-31T18:48:52","modified_gmt":"2021-12-31T18:48:52","slug":"rebound-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/christian-papesch.de\/?page_id=155&lang=de","title":{"rendered":"Rebound"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong><em>Vorspiel<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">1<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRebound!\u201c, schallte es durch die Sporthalle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlex, wenn du nicht langsam anf\u00e4ngst, unter\u2019m Korb zu arbeiten, fliegst du aus der Mannschaft. Verdammt noch mal, wie oft muss ich euch Versagern denn noch erz\u00e4hlen, dass man nicht nur mit der Offense Spiele gewinnt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt geht das schon wieder los!\u201c Peter, von seinen Freunden meist Pete genannt, drehte sich im Lauf zu seinem Freund Alex um. \u201eDer Alte hat heute bestimmt wieder Pr\u00fcgel von seiner Frau bezogen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alex strich sich eine seiner langen, dunkelbraunen Locken aus dem Gesicht und l\u00e4chelte vielsagend. Pete, der schon oft \u00fcber dessen Eitelkeit bez\u00fcglich seiner Haare geschmunzelt hatte, wusste sofort, dass sein Mannschaftskamerad und gleichzeitig bester Freund dasselbe dachte. Manchmal kam es ihm so vor, als seien sie telepathisch miteinander verbunden, oder funkten zumindest auf der gleichen geistigen Wellenl\u00e4nge. Zu oft schon hatten sie Dinge gleichzeitig gesagt oder gedacht. Vielleicht lag es daran, dass sie schon, seit sie denken konnten, aufeinander hingen, wie die Kletten, doch er war der festen \u00dcberzeugung, dass sie selbst bei sp\u00e4terem Kennenlernen diese Verbindung gesp\u00fcrt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tatsache, dass sich Petes Vater vor knapp zwei Jahren das Leben genommen hatte, verst\u00e4rkte ihr Zusammenhaltsgef\u00fchl noch und so waren sie seit diesem Tag fast wie Br\u00fcder. Manchem Au\u00dfenstehenden, aber auch engen Freunden und sogar den eigenen Eltern, schien dieses blinde und stumme Verst\u00e4ndnis meist unbegreiflich und teilweise schon etwas unheimlich zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas gibt es da zu schwatzen?\u201c Die scharfe Stimme Herrn Meyers, ihres Trainers, riss Pete aus seinen Gedanken. \u201eQuatschen k\u00f6nnt ihr beim Kaffeetrinken oder beim Angeln, aber nicht beim Training. K\u00f6nntet ihr nur halb so gut spielen, wie ihr Schei\u00dfe baut, dann h\u00e4tte Unterschantzheim bald ein Bundesliga-Team mit euch als Stars! Auf den Boden, lasst mich drei\u00dfig sehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeint waren nat\u00fcrlich Liegest\u00fctze. Die Beiden kamen der Aufforderung murrend nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlter Leuteschinder!\u201c, raunte Alex kaum h\u00f6rbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Coach schien Ohren zu haben wie ein Luchs: \u201eSo Herr Lamme, wir wollen uns also widersetzen? Was glaubt ihr eigentlich, wo ihr hier seid? Das gilt f\u00fcr euch alle, ihr Waschlappen, also h\u00f6rt genau zu: Wenn ihr dem Niggerpack \u00fcberlegen sein wollt, dass die Vereine \u00fcberv\u00f6lkert und die h\u00f6heren Liegen dominiert, dann braucht ihr vor allem eines, es f\u00e4ngt mit einem \u201eD\u201c an. Peter?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00c4hhm, also ich glaube&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas, du glaubst&#8230;?\u201c, wollte der Trainer gerade zu einer weiteren Predigt ansetzen, als ihn Alex lautstark unterbrach: \u201eIch wei\u00df es, <em>Drogen<\/em>!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schlagartig wurde es still in der Halle. <em>Man h\u00e4tte einen Joint brennen h\u00f6ren k\u00f6nnen<\/em>, so beschrieb Alex es irgendwann einmal. Der Zustand hielt nur eine halbe Sekunde an, doch den meisten kam es vor, als handele es sich um eine Ewigkeit. Als Herr Meyer zu reden begann, klang seine Stimme erstaunlich ruhig, fast gelassen. \u201eDann ist er am Gemeinsten\u201c, hatte Frede, ein weiteres Teammitglied, seines Zeichens einen Meter f\u00fcnfundneunzig gro\u00df und hundertzehn Kilogramm reine Muskelmasse schwer, vor kurzem bemerkt. Trotz seinen k\u00f6rperlichen Vorraussetzungen pflegte er Probleme mit Worten zu l\u00f6sen und war keiner dieser \u201eSchmalz in den Muskeln und Luft im Kopf\u201c-Typen, von denen es seit der Erfindung der Anabolika nur so wimmelte.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eIhr denkt also, das ganze ist ein Witz, ja?\u201c Er wartete keine Antwort ab. \u201eSoll ich euch mal zeigen, was ich lustig finde? Jeder von euch Komikern schnappt sich jetzt einen von den Medizinb\u00e4llen, und zwar von den schweren, nicht die kleinen, leichten \u201eFrauen-B\u00e4lle\u201c, und dann werdet ihr laufen, sagen wir mal &#8211; ich will ja nicht so sein &#8211; hundertsechzig Runden! Dabei&#8230;\u201c, er machte eine vertikale Ruderbewegung mit den Armen, \u201e&#8230; werdet ihr den Ball <em>so <\/em>hoch und runter bewegen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Coach&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKein aber, es hat sich ausge-\u201eaber\u201c-t! Wenn ihr kleinen Schwanzlutscher glaubt, ihr k\u00f6nntet mich zum Narren halten, dann habt ihr euch get\u00e4uscht, und zwar gewaltig. Ich werd\u2019 euch schon noch zeigen, was &#8217;ne Harke ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Meyer, das ist Wahnsinn, das schaffen wir niemals! Au\u00dferdem erscheint mir diese Ma\u00dfnahme ein wenig \u00fcbertrieben.\u201c Fredes Stimme klang in Alex Ohren weder sehr sicher noch \u00e4u\u00dferst \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist mir schnurzpiepegal, wie dir was erscheint, du Wicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aussage w\u00e4re, aufgrund der Tatsache, dass Frederik den schm\u00e4chtigen Mann um gut drei\u00dfig Zentimeter \u00fcberragte, ein Grund zum Schmunzeln gewesen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand tat es.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntweder du l\u00e4ufst, oder du kannst dir\u00a2n neues Team suchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso, das geht mir entschieden zu weit! H\u00f6ren sie mir mal genau zu, sie dreckiger Fascho, nur weil sie als Kind&#8230;!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tritt, den er von Alex bekam, unterbrach ihn abrupt. \u201eMach jetzt keinen Fehler! Der Kerl kann dich aus\u2019em Team schmei\u00dfen, wenn er will.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas schert mich herzlich wenig, der soll blo\u00df kommen! Verdammter Nazi!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr habt die Wahl\u201c, der Trainer hatte die Beleidigung entweder nicht geh\u00f6rt oder ignorierte sie, \u201eentweder ihr lauft, oder ihr spielt ab morgen \u00fcberall Basketball, nur nicht in meinem Team.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVon wegen <em>ihr<\/em> Team&#8230;\u201c, begann Frede erneut, doch er verstummte sofort wieder, als er die Blicke sah, die seine Mitspieler im zuwarfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLass gut sein. Spar\u00a2 dir besser deine Kr\u00e4fte. Du wirst sie noch brauchen!\u201c Pete, der jetzt direkt neben ihm stand, wandte seinen Blick wieder dem Trainer zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6ren sie, Alex und ich haben uns nicht an die Regeln gehalten, also werden wir auch die Strafe auf uns nehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er musste seinen Freund nicht einmal ansehen um zu wissen, dass dieser gerade den selben Vorschlag hatte machen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh, zwei ehrenhafte Samariter! Ihr seid ja regelrechte Helden. Das sind dann, Moment,&#8230; achthundert Runden f\u00fcr jeden von euch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber sie haben eben hundertsechzig gesagt!\u201c Der Klang ihn Alex Stimme gefiel Pete ganz und gar nicht. Er schien kurz davor zu sein, v\u00f6llig auszurasten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df, was ich gesagt habe. Aber da ihr die Schuld des Teams tragen wollt, m\u00fcsst ihr in Folge dessen doch wohl auch dessen Runden laufen, oder sehe ich das falsch? Und nach Adam Riese sind, wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, hundertsechzig mal zehn geteilt durch zwei genau achthundert Runden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber, das ist doch Wahnsinn, kein normaler Mensch ist dazu imstande, achthundert Runden mit einem Medizinball zu laufen, ganz zu schweigen davon, dass es viertel vor acht ist und ich morgen in die Schule muss.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDacht ich\u2019s mir doch! Ihr steht mal wieder nicht zu eurem Wort. Ihr seid wirklich bemitleidenswert!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCoach, wir laufen freiwillig mit. Oder nicht, Jungs?\u201c Frede hatte sich den Anderen zugewandt, die zustimmend nickten. Die Chemie im Team hatte schon immer gestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit schien Herr Meyer nicht gerechnet zu haben, denn einen Augenblick lang ihm fehlten tats\u00e4chlich die Worte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er seine Fassung wiedererlangte, nickte er zustimmend. \u201eDamit w\u00e4ren es also wieder hundertsechzig. Na dann mal los, ich will vor Mitternacht zu Hause sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tten Pete und Alex gewusst, dass dies erst der Anfang ihrer heutigen Schwierigkeiten sein sollte, dann w\u00e4ren sie der Anweisung ihres Trainers sicherlich mit noch grimmigerer Miene nachgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">2<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Essay zum Thema: Meine Welt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">von Alexander Lamme<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich all die Menschen sehe, welche in der Hektik ihres Daseins durch das Leben rennen, m\u00f6chte ich nicht zu dieser Spezies geh\u00f6ren. Wie kann ein Lebewesen, dass sich einbildet, die Krone der Sch\u00f6pfung zu sein, sich mit der heutigen Situation zufrieden geben?<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu leben wir?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Gewissheit, einmal zu sterben?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Geld, Ruhm, Wohlstand? F\u00fcr die Erf\u00fcllung der Tr\u00e4ume, welche uns die Gesellschaft aufdiktiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will jedenfalls nie in einer Seniorenresidenz oder einer sch\u00e4bigen Drei-Zimmer-Wohnung enden, wo ich die letzten Jahre meines Lebens vor mich hin vegetierend in meinen eigenen Exkrementen verbringe. Ich glaube an meine Generation und an die kommenden. Es wird Zeit, die Gesellschaft aufzur\u00fctteln, sowohl mit Worten, als auch mit Taten. Wir, die Jugend, sind dazu imstande, dieses Jahrhundert zu einem friedlichen und lebenswerten Jahrhundert zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grausamkeiten der letzten Zeit d\u00fcrfen unter keinen Umst\u00e4nden so weitergehen. Wie kann es sein, dass wir in Schwimmb\u00e4der springen, unsere Autos dreimal pro Woche putzen und so oft es geht ausgiebig baden, w\u00e4hrend auf der anderen Seite der Welt tagt\u00e4glich Unz\u00e4hlige verdursten? Warum gibt es Kriege um \u00d6l, Reichtum und Macht, obwohl es doch wahrlich wichtigere Dinge im Leben gibt? Warum hassen wir Menschen, nur weil sie anders aussehen, reden oder denken als wir?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Welt ist anders, fairer, sch\u00f6ner. Und wir k\u00f6nnen es schaffen. Ich wei\u00df es. Wir m\u00fcssen nur daf\u00fcr k\u00e4mpfen, mit allen Mitteln. Ansonsten sieht es f\u00fcr unsere Zukunft alles andere als rosig aus&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Du hast gute Denk- und Kritikans\u00e4tze, formulierst jedoch keine konkreten Verbesserungsvorschl\u00e4ge. Sich beschweren kann jeder, die Kunst ist nur, es besser zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher nur:&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Voll ausreichend (4+)<\/p>\n\n\n\n<p>Schade!&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;Kt<\/p>\n\n\n\n<p>Wie recht der mittlerweile grauhaarige Mann, der am Fenster seines \u201eModerno-Appartments\u201c sa\u00df und auf die gl\u00e4sernen Bauten des Berlins der 2040er Jahre blickte, mit diesem letzten Gedanken gehabt hatte, konnte er noch nicht erahnen. Doch es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bis er wieder das Rauschen h\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben jenes Rauschen, welches er wohl Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte lang nicht mehr geh\u00f6rt hatte. Doch er konnte sich noch daran erinnern, als sei es gestern gewesen. Manchmal wachte er nachts schwei\u00dfgebadet auf und dachte pl\u00f6tzlich an Frede, Suzanna, Jimmy, Sam und all die Anderen \u2013 und an ihr grausames Schicksal. Die Zeit heilt viele Wunden, doch Narben bleiben dennoch zur\u00fcck. Wenn er von Rebound etwas gelernt hatte, dann diese Tatsache. Oft dachte er daran zur\u00fcck, wie alles begonnen hatte, wie er und Frederik \u2013 Gott habe ihn selig \u2013 den schwarzen Jungen mit der undefinierbaren Augenfarbe vor der Strafe bewahrt hatten, die ihm aufgrund seiner Unachtsamkeit gedroht hatte. Doch war dies wirklich der Anfang gewesen? Blasse Erinnerungen kehrten aus den Tiefen seines Ged\u00e4chtnisses zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<p>Blaue Fliesen, das Prasseln von Wasser&#8230;, Blut, Schreie, Wut, Unsicherheit, Ohnmacht,&#8230; Freundschaft&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchatz, ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als sei dir der Teufel erschienen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles bestens, Claudia!\u201c Er ergriff die Hand seiner Frau, die sie ihm besorgt auf die Schulter gelegt hatte. \u201eIch schwelge nur mal wieder in Erinnerungen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJaja, ich wei\u00df, dein liebstes Hobby.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu ahnst ja gar nicht, wie recht du hast\u201c, dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wollte dich eigentlich nur darum bitten, dass du dich fertig machst. Wir wollten doch heute zu Mark fahren, es ist sein Geburtstag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df, gib mir f\u00fcnf Minuten.\u201c Er strich die Zettel glatt. Er schrieb nicht mehr, scheinbar war ihm die Gabe, seine Gedanken in Worte zu fassen, schon vor langer Zeit verloren gegangen. Au\u00dferdem ignorierte er s\u00e4mtliche Medien, seien es die mittlerweile digitalisierten Tageszeitungen, das Fernsehen oder das Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er die Bl\u00e4tter in die Schreibtischschublade legen wollte, griff er unbewusst nach dem Erstbesten, was er in dieser finden konnte. Es war ein Buch, auf dessen Deckel ein rotes \u201eA\u201c mit einem Kreis darum prangte. Fast wie automatisiert schlug er es auf und begann, an einer beliebigen Stelle, zu lesen. In nicht ganz so sicherer, aber dennoch eindeutig seiner Handschrift stand dort geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, was \u00fcber mich gekommen ist. Es war, als h\u00e4tte mein Kopf zu pulsieren begonnen, als h\u00e4tte ich meine Gliedma\u00dfen nicht mehr in unter Kontrolle. Es hatte damit begonnen, dass der verdammte Meyer mal wieder seine Tage hatte und seine Wut an uns auslie\u00df. Hundertsechzig Runden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich, als h\u00e4tte ich zwei N\u00e4chte durchgemacht, mich ausschlie\u00dflich von Whisky ern\u00e4hrt und w\u00fcrde jetzt nach drei\u00dfig Minuten Schlaf erwachen. Ich habe einen gro\u00dfen Fehler begangen, soviel ist sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>So, jetzt erst mal Einen rauchen, dann setz\u00a2 ich das hier fort&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Tragik des Ganzen, musste Alex unvermittelt schmunzeln. Er war damals, vor achtunddrei\u00dfig Jahren, schon ein wirklich seltsamer Mensch gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stimme seiner Frau riss ihn wie so oft aus seinen Gedanken: \u201eAlexander, w\u00fcrdest du jetzt bitte kommen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, Schatz, entschuldige. Gib mir zwei Minuten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Pulsieren, ja, eine wirklich gute Beschreibung. Nicht so gut wie Rauschen, aber immerhin&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ja erst der Anfang gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">3<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas&#8230; ist&#8230; doch Wahnsinn..!\u201c, keuchte Frederik, dessen Haare derart schwei\u00dfnass waren, dass sie an seinem Kopf klebten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas&#8230; meinst&#8230; du,&#8230; die wievielte Runde das ist?\u201c Auch Pete h\u00f6rte sich nicht viel besser an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNeunzig?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie neunzig? &#8230;Wenn ich\u2019s nicht&#8230;besser w\u00fcsste&#8230;, w\u00fcrd\u2019 ich dreihundert sagen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Herren, das reicht. Ich habe Hunger und will hier weg, bevor die letzte Imbissbude zumacht.\u201c Die Stimme ihres Trainers klang beinahe fr\u00f6hlich, doch bei genauerem Hinh\u00f6ren konnte man den sarkastischen Unterton doch deutlich herausfiltern. \u201eLos, geht duschen, ihr habt&#8230; zwanzig Minuten, dann schlie\u00df\u2019 ich ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie viele waren es, Coach?\u201c Alex\u2019 Stimme zitterte vor Anstrengung, er schwitzte mehr als jeder andere und trank seine Wasserflasche (die dritte, die an diesem Abend \u00f6ffnete) in einem Zug leer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas wollt ihr gar nicht wissen, ihr Verlierer. Und jetzt beeilt euch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jungen schleppten sich in die Kabine. Bis sie sich ausgezogen hatten und unter der Dusche standen, sprach keiner ein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste, der das Schweigen brach, war Alex: \u201eWir m\u00fcssen was gegen ihn unternehmen, dass ist doch wohl sonnenklar. So geht das nicht weiter&#8230;!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wette, er hat die Runden nicht mal gez\u00e4hlt. So was ist doch kein Training&#8230;!\u201c Zu der Ersch\u00f6pfung in Frederiks Stimme war Wut hinzugekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNaja, wir kriegen zumindest \u2019ne ordentliche Portion Kondition.\u201c Petes Aussage klang fast schon wie eine Entschuldigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Fassungslos starrte Alex ihn an. \u201eSag mal, haben sie dir jetzt vollends das Gehirn zermalmt oder was? Der Typ ist doch ein verdammter Sadist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd \u2019n dreckiger Fascho ist er obendrein, oder wie siehst du das?\u201c, mischte sich Frederik ein. Der Rest des Teams hielt sich h\u00f6flich zur\u00fcck, sie wussten, dass ein Streit zwischen Alex und Peter h\u00f6chst selten vorkam, es jedoch ratsam war, sich nicht einzumischen, wenn es soweit war. Und es sah ganz so aus, als ob die beiden auch nicht vorhatten, ihn vorerst beizulegen. Denn trotz ihres blinden Verst\u00e4ndnisses in fast allen Situationen war das Thema Ausl\u00e4nder-Politik, auf das es nun, dank Frederiks Einwand hinauslief, immer noch ein heftiger Streitpunkt. Alex war \u00fcberzeugter Linksau\u00dfen, wie er es selber bezeichnete. Er war aktives Mitglied der Antifa-Bewegung, nahm oft und gerne an Anti-Kriegs Demos teil und verschlang jegliche Lekt\u00fcre, die auch nur im entferntesten kommunistisch oder moralphilosophisch aussah. Schon im zarten Alter von dreizehn Jahren hatte er Nietzsches \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c gelesen, bereits ein halbes Jahr fr\u00fcher Weisheiten aus der sogenannten \u201eMao-Bibel\u201c zitiert, sehr zum Verdruss seiner gr\u00f6\u00dftenteils doch recht konservativen Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter hingegen konnte sich mit den Idealen seines Freundes in diesem Punkt nicht anfreunden, und war eher contrairrer Meinung. Alex hatte nie gewagt, es ihm ins Gesicht zu sagen, aber er vermutete, dass die Umst\u00e4nde, unter denen Petes Vater gestorben war, ein Grund f\u00fcr dessen Einstellung waren.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Kochmeister hatte lange Zeit als Maurer gearbeitet, jedoch aufgrund der schlechten Konjunktur seine Arbeit verloren. Sein damals sechzehnj\u00e4hriger Sohn war allerdings davon \u00fcberzeugt, dass der Chef seines Vaters lieber eine billige, ausl\u00e4ndische Arbeitskraft besch\u00e4ftigte, als einen kompetenten Deutschen mittleren Alters. Zwar hatte sein Vater keinen Abschiedsbrief hinterlassen, doch f\u00fcr Peter stand au\u00dfer Frage, dass \u201eirgend ein dahergelaufener Schwarzarbeiter aus dem Ostblock\u201c seinen Vater auf dem Gewissen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso erstaunlicher war, dass die beiden sich so gut wie nie stritten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu h\u00e4ltst dich da mal ganz raus, du Super-Gigolo.\u201c Dieser Anspielung auf seine fehlende sexuelle Erfahrung konnte Frederik nun wirklich gar nichts abgewinnen. Er wollte gerade zu einer passenden Antwort ansetzen, als Alex ihm zuvorkam:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu willst mir doch nicht allen Ernstes erz\u00e4hlen, dass du seine Methoden f\u00fcr gut hei\u00dft, oder? Da hatten die Sklaven im alten \u00c4gypten ja mehr zu lachen als wir hier beim Training. Und selbst du m\u00fcsstest doch wohl einsehen, dass er rassistisches und volksverhetzendes Gedankengut verbreitet. Allein daf\u00fcr k\u00f6nnten wir ihn schon bei den Bullen verpfeifen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoran liegt es eigentlich, dass in diesem verpissten Staat nur die Roten ihre Meinung frei \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen? Der Mann hat doch v\u00f6llig Recht. Die gro\u00dfen Vereine lassen sich von den Niggern ausnehmen und kontrollieren, w\u00e4hrend f\u00fcr deutsche Nachwuchstalente kein Platz ist.\u201c Nun schrie Pete fast, die Adern traten aus seinem Hals hervor und sein Kopf war so rot wie nicht mal der \u00fcberzeugteste Erz-Kommunist h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist doch\u2019n Spasti, das bist du&#8230;!\u201c Endlich hatte Frederik sich revangieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Pete \u00fcberging den Einwurf, als h\u00e4tte er ihn nicht geh\u00f6rt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieses Pack klaut uns die Steuergelder, die Arbeitspl\u00e4tze, die Wohnungen, das Essen! Warum um alles in der Welt lassen wir die ganzen Spasalacken hier \u00fcberhaupt noch rein? Ohne diese Schmarotzer ginge es uns mit Sicherheit wesentlich besser.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt zieh aber den Kopf mal wieder aus deinem Arsch, vielleicht triffst du dann auch \u00f6fter den Korb. Du willst mir doch nicht ernsthaft erz\u00e4hlen, dass du dieses rechte Gew\u00e4sch glaubst, das du da faselst.\u201c Jetzt war auch Alex \u00e4u\u00dferst ver\u00e4rgert, die Muskeln an seinem gesamten Oberk\u00f6rper zuckten und nicht einmal das eiskalte Wasser konnte ihn beruhigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh doch und ich erz\u00e4hl dir gleich noch was, mein Lieber. Selbst wenn ich den Korb nicht treffe, treff\u2019 ich wenigstens mit meinem Schwanz den verhurten Mund deiner ebenso verhurten Mutter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Raunen ging durch den Duschraum, danach war es still. Alex h\u00f6rte das Rauschen der Duschen, aber da war noch etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls ein Rauschen, aber anders, irgendwie intensiver. Er konnte den Herkunftsort nicht hundertprozentig lokalisieren, vermutete aber, dass es in seinem Kopf war. Was zum Henker war das? Nicht, das er es als unangenehm empfunden h\u00e4tte, ganz im Gegenteil. Wenn es nach ihm ginge, konnte es anhalten, so lange es wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Urpl\u00f6tzlich \u00fcberkam ihn ein Gef\u00fchl von blinder Wut. Es war so, als w\u00fcrde er von ihr gesch\u00fcttelt und als wolle ihn das Ger\u00e4usch darauf hinweisen, dass gerade eine seiner goldenen Regeln missachtet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die \u00dcbrigen wussten, dass er, Alexander Lamme, f\u00fcr jeden Spa\u00df zu haben war und l\u00e4ngst nicht jedes Wort auf die Goldwaage legte. Doch wenn es um seine Familie ging, verstand er keinen Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine leiblichen Eltern waren gestorben, als er noch ein Baby gewesen war, daher hatte er die ersten Jahre seines Lebens in einem Heim verbracht, bis ihn Familie Lamme adoptiert hatte. Zwar war er mit den Ansichten seiner Adoptiveltern auch nicht v\u00f6llig einverstanden, doch ihn verband ein Gef\u00fchl mit ihnen, das leibliche Kinder wohl niemals empfinden w\u00fcrden. Die Zeit im Heim war, soweit er sich noch daran erinnern konnte, die H\u00f6lle auf Erden gewesen und somit waren die Lammes in eine Art Retterrolle geschl\u00fcpft. Daher lie\u00df er niemanden auch nur ein einziges schlechtes Wort \u00fcber sie sagen und dieser Tatsache war sich auch Pete bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu nennst meine Mutter eine Hure, du kleines Arschloch? Daf\u00fcr wirst du b\u00fc\u00dfen!\u201c Seine Stimme klang, als k\u00e4me sie von weit weg und bevor er sich dar\u00fcber bewusst war, was geschah, schnellte er auch schon auf seinen besten Freund zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs tut mir leid\u201c, wollte Pete sagen, doch dazu kam er nicht mehr. Mit einem Ausdruck in den Augen, den er bei ihm noch nie gesehen hatte, kam Alex auf ihn zugeschossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">4<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMark Keller ist seit vier Tagen nicht mehr unser Patient. Ich bin nicht befugt, ihnen weitere Informationen zu geben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die blecherne Stimme des Rezeptionsroboters lie\u00df Alex erschauern. Er verlie\u00df seine Wohnung nicht gern, von dem unternehmungslustigen Jungen, der er mal gewesen war, war nicht mehr viel \u00fcbrig. Er fand, dass die Welt schlecht war, und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Er hasste die technischen Neuerungen, er hasste die in Hektik versunkene Zivilisation, er hasste die \u00dcberbev\u00f6lkerung des Planeten. Am Liebsten hielt er sich in seiner Wohnung auf und tr\u00e4umte von einem besseren Leben. Den Glauben daran, selber daf\u00fcr etwas tun zu k\u00f6nnen, hatte er schon lange verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann sag uns doch, wer uns weitere Informationen geben kann, du d\u00e4mlicher Blecheimer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch verbitte mir diese Unh\u00f6flichkeiten! Bei weiteren Fragen, wenden sie sich bitte an die Klinik-Leitung, dritte Etage, Zimmer 357B.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast doch sowieso keine Gef\u00fchle, also werd\u2019 ich jawohl auch mit dir reden k\u00f6nnen, wie ich m\u00f6chte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBei weiteren Fragen, wenden sie sich bitte an die Klinik-Leitung, dritte Etage, Zimmer 357B.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh du verdammtes&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchatz, lass es gut sein.\u201c Die sanfte Stimme seiner Frau lie\u00df seine Wut etwas abk\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLass uns einfach in die dritte Etage fahren und mit den Verantwortlichen sprechen. Das werden schon keine Roboter sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eW\u00e4re ja auch noch sch\u00f6ner\u201c, erwiderte er grimmig.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal fragte sie sich wirklich, warum sie ihn geheiratet hatte. Eigentlich war er ein Miesepeter gewesen, schon als sie ihn vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren durch Zufall kennen lernte. Und er hatte sich im Laufe der Jahre nicht einen Deut gebessert. Und dennoch liebte sie ihn, seine etwas schrullige Art, den vertr\u00e4umten Blick, wenn er mal wieder seinen Gedanken nachhing. Manchmal hatte sie das Gef\u00fchl, er lebte in seiner eigenen kleinen Welt und wollte nicht einmal ihr Zutritt zu ihr gew\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schlenderten auf den Turbo-Lift zu, einer Art Glasr\u00f6hre mit etwa einem halben duzend Sesseln, auf einer Plattform, darin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDritte Etage, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum sagst du \u201ebitte\u201c? Es ist doch selbstverst\u00e4ndlich, dass er das tut. Es ist sein Job, nur daf\u00fcr wurde er konstruiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa Schatz, entschuldige!\u201c Sie hatte kein gro\u00dfes Interesse an einer Diskussion, da sie sowieso meist den k\u00fcrzeren zog. Vielleicht war es auch das gewesen, was sie so an ihm faszinierte: Seine unglaubliche \u00dcberzeugungskraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahmen Platz. Das Kunstleder der Sessel schien neu zu sein, zumindest waren keine Verf\u00e4rbungen oder Flecken zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDritter Stock, bitte aussteigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielen Dank.\u201c Als sie das Augenrollen ihres Mannes sah, bereute Claudia schon wieder, etwas gesagt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan f\u00e4hrt eine Sekunde mit dem Aufzug, und sie stellen Sessel zum Sitzen rein? Claudia, was ist das nur f\u00fcr eine Welt, in der wir leben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Frau \u00fcberging den Kommentar: \u201e357B, hier ist es.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ihr Klopfen wurde mit einem einfachen \u201eherein\u201c geantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Musste er auch auf ein solches \u201eherein\u201c warten, bevor er ins Dreamland eintreten durfte? Er war sich nicht sicher, dachte aber, dass das Visionaris vielleicht eine Art Transportmittel darstellte, welches die Menschen in die Scheinwelt \u00fcberstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie?<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab so Vieles, das er nicht wusste.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchatz, kommst du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, nat\u00fcrlich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Tag, was kann ich f\u00fcr sie tun?\u201c Der Mann, der sie begr\u00fc\u00dfte, war gro\u00df, schlank und etwa Mitte drei\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir ben\u00f6tigen eine Auskunft, es geht um meinen Bruder\u201c, sagte Claudia.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNehmen sie Platz. Ist ihr Bruder Patient bei uns?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr war es. Bis vor zwei Minuten dachte ich, er sei es noch immer. Sein Name ist Mark Keller.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMark Keller?\u201c Beatrice sollte sie telefonisch informieren. Verdammte Roboter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie geben ihnen Namen?!\u201c Alex sah verwundert und gleichzeitig schockiert aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist ja auch nicht so wichtig. Was ist mit meinem Bruder?\u201c Sie wollte ihrem Mann keine Chance geben, mit dem Mann eine Diskussion \u00fcber die Rechte der Roboter zu beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, wir haben ihn in eine neuartige Klinik verlegen lassen, welche speziell f\u00fcr Koma-Patienten gebaut wurde. Wir konnten nichts mehr f\u00fcr ihn tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat sich sein Zustand ver\u00e4ndert?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht, dass ich w\u00fcsste. Aber ich denke, sie sollten sich selber mit der Klinik in Verbindung setzen, wenn sie n\u00e4here Informationen w\u00fcnschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas werde ich tun. Wie kann ich dort jemanden erreichen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen Moment, ich hatte einen Prospekt erhalten,&#8230;ah, da ist er ja. Darauf steht alles weitere, Telefonnummer, Adresse dieser ganze Kram.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielen Dank!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKeine Ursache, auf Wiedersehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">5<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Schlag traf Pete oberhalb des linken Auges.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmerz durchzuckte seinen gesamten K\u00f6rper. Er wollte sich die H\u00e4nde sch\u00fctzend vors Gesicht halten, doch Alex war schneller. Diesmal erwischte er die Nase seines besten Freundes und dieser begann leise zu wimmern. Man hatte f\u00f6rmlich h\u00f6ren k\u00f6nnen, wie das Nasenbein brach und Pete befand sich am Rande der Besinnungslosigkeit, k\u00e4mpfte jedoch dagegen an. Seine Nase blutete, und zwar nicht zu knapp. In Sturzb\u00e4chen lief es seinen K\u00f6rper hinunter und bildete am Boden eine Pf\u00fctze. Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, das schmerzverzerrte Gesicht und das Wimmern seines Freundes, sowie die Tatsache, dass die Blutung eindeutig zunahm, w\u00fcrden Alex zur Besinnung kommen lassen, doch weit gefehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen holte zu einem dritten Hieb aus und diesmal legte er sein gesamtes K\u00f6rpergewicht in den Schlag. Pete sah die Faust auf sein Gesicht zurasen, doch es war bereits zu sp\u00e4t. Der dritte Schlag war mit Abstand der h\u00e4rteste. Er wurde nach hinten geschleudert und sein Kopf prallte mit voller Wucht gegen die blau gekachelte Wand und hinterlie\u00df dort einen roten Fleck. Er schrie auf, ein Ger\u00e4usch, welches Alex nie wieder vergessen sollte, verlor jedoch immer noch nicht das Bewusstsein. Die Wucht des Schlages war so enorm gewesen, dass Peter regelrecht von der Wand abprallte und nach vorne fiel. Er sah den Boden auf sich zu kommen und versuchte seinen Sturz mit den Armen abzufangen, was ihm jedoch g\u00e4nzlich misslang. Er st\u00fcrzte auf den linken und als dieser unter der Wucht seines Aufpralles, der H\u00e4rte der Fliesen und dem Gewicht seines K\u00f6rpers brach, fiel er endlich in eine tiefe und schmerzfreie Ohnmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er Stunden sp\u00e4ter im Krankennhaus erwachte, dachte er zuerst, er habe schlecht getr\u00e4umt, doch die unertr\u00e4glichen Schmerzen in seinem Arm \u00fcberzeugten ihm vom Gegenteil. Als er die Augen aufschlug, wobei sein linkes blau und geschwollen war, blickte er in das besorgte Gesicht seiner Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube er kommt zu sich, Gott sei Dank.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit wem zum Henker redet die da?\u201c, dachte er, doch eigentlich war es ihm egal. Er begann langsam zu realisieren, wer ihm das alles eingebrockt hatte. \u201eSuper Alex, reife Leistung. Du hast mich krankenhausreif gepr\u00fcgelt, weil ich&#8230;, na, warum eigentlich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er konnte nicht glauben, dass seine Bemerkung allein ausgereicht hatte, um seinen Freund derart w\u00fctend zu machen. Er kannte ihn so gut, dass er genau wusste, das Alex Gewalt verabscheute.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Und dieser Ausdruck in seinen Augen, vergiss nicht den Ausdruck in seinen Augen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und doch hatte er so ein Gef\u00fchl, dass auch er nicht ganz unschuldig war, das Geschehene vielleicht sogar wissentlich provoziert hatte. Aber daran wollte er nicht denken, zumindest jetzt noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMama, ich bin okay!\u201c, sagte er mit d\u00fcnner Stimme. Doch er&nbsp; war es ganz und gar nicht und das wusste sie genauso gut wie er.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie konnte das nur passieren? Alex war total am Ende, die Sanit\u00e4ter wollten ihn schon fast mit einliefern. Er hat die ganze Zeit von irgendeinem Rauschen geredet und davon, dass er sich nicht mehr in der Gewalt hatte. Und wieso hat ihn keiner daran gehindert, ihr wart doch nicht alleine unter der Dusche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage hatte sich Pete auch schon gestellt, doch jeder, der seine Augen gesehen h\u00e4tte, w\u00e4re vor Alex davongelaufen, anstatt sich ihm in den Weg zu stellen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Noch bevor Alex zum ersten Mal zugeschlagen hatte, war Herr Meyer, unbemerkt von den Jugendlichen in die Umkleidekabine geschlichen. Er hatte in dessen Sporttasche gekramt und eine Wasserflasche herausgenommen, in der nur noch eine winzige Pf\u00fctze zur\u00fcckgeblieben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war er aus der Kabine verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er verlie\u00df die Sporthalle durch den Hinterausgang, ging geradewegs auf seinen Wagen, einen alten Opel Kadett B, zu und stieg ein. Sein Blick war ebenso leer wie die Stra\u00dfe vor ihm und als er losfuhr und seine Augen langsam wieder ihr normales grau-gr\u00fcn annahmen, begann er zu weinen. Er war sich dar\u00fcber im klaren, dass niemand ihm die Geschichte glauben w\u00fcrde. Jeder w\u00fcrde sich fragen, wo um alles in der Welt der Trainer gewesen war, als&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja was eigentlich? Er hatte die seltsam violette Fl\u00fcssigkeit in die Flasche gef\u00fcllt, dass hei\u00dft sein K\u00f6rper hatte es getan, w\u00e4hrend er hilflos zusehen musste. Doch weshalb? <em>Wer <\/em>beabsichtigte, <em>was<\/em> damit zu bewirken? Um was f\u00fcr eine Art von Fl\u00fcssigkeit hatte es sich \u00fcberhaupt gehandelt? Wo kam sie her? Er hatte sie jedenfalls nicht mit in die Halle genommen. Wie konnte etwas oder jemand einfach so \u00fcber seinen K\u00f6rper bestimmen und weshalb war er, sie oder es nun so urpl\u00f6tzlich verschwunden? All diese Fragen waren nebens\u00e4chlich, denn er w\u00fcrde keine Antwort mehr finden, eigentlich wollte er auch gar keine. Seine Energie war verbraucht, sein Lebenswille erloschen. Auch das war das Werk des Parasiten gewesen. Ja, Parasit war eine gute Bezeichnung, Gehirnparasit. \u201eAber bei mir wirst du nicht mehr schmarotzen, nie mehr\u201c, dachte er. Und als er das Auto auf Hundertdrei\u00dfig Stundenkilometer beschleunigte und den Baum durch die Windschutzscheibe immer n\u00e4her kommen sah, begann er zu l\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Nie Mehr.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">...<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Kein letztes Gef\u00fchl und kein Abschiedskuss,<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">im Radio kommt dein Lied und mit dem Baum kam der Schluss<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">...<\/pre>\n\n\n\n<p><em>(Auch das w\u00fcrde man verstehen, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter&#8230;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">6<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Es<\/em><\/strong> hatte ihn gefunden, da konnte es keinen Zweifel geben. <strong><em>Es <\/em><\/strong>hatte die Kraft regelrecht sp\u00fcren k\u00f6nnen, die von seinem Geist ausgegangen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es schien so, als lie\u00dfe der Lebenswille bei ihm nicht nach, anders, als es bei allen anderen der Fall gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der verdammte Trainer hatte gerade mal anderthalb Stunden gehalten und sich mittlerweile vermutlich irgendwo von einer Klippe gest\u00fcrzt oder zu ersaufen versucht. H\u00e4tte er einfach noch einige Minuten gewartet, dann h\u00e4tte sein Herz auch von alleine aufgeh\u00f6rt zu schlagen oder seine Atmung ausgesetzt. Doch die Menschen schienen sich immer besser zu f\u00fchlen, wenn sie glaubten, eigene Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch etwas war seltsam gewesen: Der eigene Wille des Jungen schien unheimlich stark zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Es<\/em><\/strong> war nicht dazu imstande gewesen, seine Wut auszuschalten oder zu kontrollieren, geschweige denn, die Steuerung seines zentralen Nervensystems zu \u00fcbernehmen. Fast kam es <strong><em>ihm<\/em><\/strong> so vor, als w\u00e4re sie durch irgendetwas noch zus\u00e4tzlich verst\u00e4rkt worden. Aber darum ging es jetzt nicht, dieser Frage konnte <strong><em>es <\/em><\/strong>sp\u00e4ter nachgehen, wenn sich die Gelegenheit bot oder es notwendig wurde. Und wenn nicht, dann eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was war jetzt zu tun? <strong><em>Es<\/em><\/strong> musste sich den Geist des Jungen zu eigen machen, soviel stand fest, denn sonst konnte sein Plan nicht gelingen. Doch vorher musste <strong><em>es<\/em><\/strong> mehr \u00fcber die Eigenarten des Gehirns des Jungen herausfinden. \u00dcber das <em>wie<\/em> und <em>wo<\/em> musste <strong><em>es<\/em><\/strong> sich noch Gedanken machen, doch das hatte Zeit und die spielte keine Rolle. Die violette Fl\u00fcssigkeit, das Visionaris, machte das ganze noch viel einfacher. Ein Gl\u00fcck, dass die Menschen von sich aus Substanzen entwickeln, die ihr Gehirn manipulieren&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so begann in dem Wesen, das Alex und alle anderen nur als Rebound kennen lernen sollten, ein grausamer, aber genialer Plan zu reifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch vorher musste <strong><em>es<\/em><\/strong> noch einige Statisten einspannen&#8230;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">7<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDreamer\u2019s Hospital? Recht makaberer Name, findest du nicht?\u201c Alex studierte die Brosch\u00fcre eingehend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu wei\u00dft doch, Werbung ist alles.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHmm, was wolltest du noch mal?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Tele-Adresse, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAchja, Moment, hier steht sie ja&#8230; 0142 _ M\u00fcn_ 15384 _ Drea &#8211; Hosp!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOkay, danke Schatz. Ich ruf\u00a2 mal an und frage, wie\u2019s ihm geht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTu das.\u201c Noch ohne sein Einverst\u00e4ndnis abzuwarten, hatten ihre zarten Finger damit begonnen, \u00fcber das am Beifahrersitz montierte Schreibpult zu huschen. Er sah ihr fasziniert zu, aufs Fahren brauchte er sich, dank des Autopiloten, welcher an ein Navigationssystem angeschlossen war, nicht zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie vielleicht einzig sinnvolle Erfindung des einundzwanzigsten Jahrhunderts\u201c, dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Frau setzte das Headset auf, da sie wusste, wie sehr er laute Telefongespr\u00e4che hasste, und klappte den kleinen Bildschirm herunter. Auch das Bildtelefon war schon lange Usus geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Tag, Claudia Lamme mein Name. Ich habe soeben erfahren, dass mein Bruder, Mark Keller, bei ihnen als Patient aufgenommen wurde. Ich w\u00fcrde mich gerne \u00fcber seinen Zustand informieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen Moment bitte, ich f\u00fchre eine Stimmanalyse durch und leite sie an einen zust\u00e4ndigen Arzt weiter.\u201c Der Antwort-Roboter schien Raucher zu sein, zumindest klang seine Stimme leicht wie die Joe Cockers in seinen schlimmsten Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Tag Frau Lamme, mein Name ist Dr. Schimdten, was kann ich f\u00fcr sie tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer, schlanker Mann Mitte f\u00fcnfzig war auf dem Display erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie geht es Herrn Mark Keller?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alex wollte gerade seinerseits ein Headset aufsetzen, um Musik (oder das, was man anno 2043 als solche bezeichnete) h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, ohne seine Frau zu st\u00f6ren, als er die Aufregung in ihrer Stimme bemerkte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAufgewacht? Was meinen sie mit aufgewacht?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Augen wurden zunehmend gr\u00f6\u00dfer, w\u00e4hrend sie sich anh\u00f6rte, was Dr. Schmidten ihr mitzuteilen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, ich denke nicht, dass er Basketballer war&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aha, vielen Dank, einen sch\u00f6nen Tag noch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte das Gespr\u00e4ch beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas gibt\u2019s? Du klangst so aufgeregt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr ist aufgewacht.\u201c Seine Frau war kreidebleich geworden. \u201eNur f\u00fcr wenige Sekunden, aber die \u00c4rzte sind sich sicher, dass er wach war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wie kamen sie darauf, dass er Basketball gespielt hat?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr hat geredet! Zwar nur ein Wort, aber er hat etwas gesagt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was?\u201c Pl\u00f6tzlich kam ihm ein schrecklicher Verdacht, aber er wagte nicht, ihn auszusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist ja das Seltsame, irgendwas von \u201eRebound\u201c. Der Arzt meinte, das w\u00e4re ein Begriff aus dem Basketball.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Den zweiten Satz h\u00f6rte ihr Mann schon gar nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr hat Rebound gesagt, bist du dir ganz sicher?\u201c Alex Stimme klang so eindringlich, wie sie es schon lange nicht mehr<\/p>\n\n\n\n<p><em>(vielleicht noch nie)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich, wenn ich\u2019s doch sage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas <em>kann <\/em>nicht sein! Es ist einfach unm\u00f6glich, du musst dich verh\u00f6rt haben.\u201c Doch stimmte das, war es wirklich unm\u00f6glich? Er musste sich Gewissheit verschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir fahren ins Hospital, sofort.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Alex, es ist in M\u00fcnchen&#8230; was ist denn \u00fcberhaupt los mit dir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNur so ein Gef\u00fchl, ich erkl\u00e4r\u2019s dir sp\u00e4ter. Wie lautet noch mal die genaue Adresse? Oder noch besser, tipp sie gleich ins Navigationssystem ein. Und noch eine \u00c4nderung, wir fahren ab jetzt H\u00f6chstgeschwindigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">8<\/p>\n\n\n\n<p>Claudia Keller war eine h\u00fcbsche Frau mittleren Alters. Sie war lebenslustig, freundlich und nicht allzu leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie hatte die sch\u00f6nsten, rehbraunen Augen, die man sich vorstellen konnte, kakaofarbene Haut und schwarzes Haar, welches an einigen Stellen bereits grau wurde, was sie aber in keinster Weise alt erscheinen lie\u00dfen. Ihre Kindheit hatte sie in Wannsee verbracht, einem der nobelsten Vororte Berlins. Sie war jedoch keines dieser typischen \u201eBonzen-Kinder\u201c und nicht das kleinste Bisschen eingebildet oder arrogant.<\/p>\n\n\n\n<p>Alex war ihr rein zuf\u00e4llig \u00fcber den Weg gelaufen, und zwar am Bahnhof. Sie war regelrecht in ihn hineingerannt, da sie in Eile gewesen war, um ihren Zug nicht zu verpassen. Dann war alles recht schnell gegangen: Er hatte sie zu einer Tasse Kaffe eingeladen, sie hatte den Zug Zug sein lassen und war mitgegangen. Sie unterhielten sich f\u00fcnf Stunden lang \u00fcber alles, was ihnen in den Sinn kam. Abends hatte er sie mit in seine Wohnung genommen, in der sie bis heute lebten und sie hatten miteinander geschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war nicht ihre Art, direkt beim ersten Treffen mit jemandem ins Bett zu gehen, doch es erschien ihr richtig. Und M\u00e4nner machten sich ja sowieso meist keine Gedanken \u00fcber so etwas. Danach waren sie nie wieder getrennte Wege gegangen und hatten alles geteilt. Zumindest hatte sie das gedacht. Doch heute hatte sie bemerkt, dass Alex etwas bedr\u00fcckte, was er zuvor nie erw\u00e4hnt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie waren nach M\u00fcnchen gefahren, um Mark zu besuchen, doch die \u00c4rzte wollten sie nicht zu ihm lassen. Daraufhin hatte Alex&nbsp; einen Elan an den Tag gelegt, den sie bei ihm seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er hatte so lange diskutiert, bis ihm die Erlaubnis gegeben wurde, die sogenannten \u201eRuhe-R\u00e4ume\u201c zu betreten, in denen ansonsten der Zutritt f\u00fcr Unbefugte untersagt ist. Dort lag Mark, gemeinsam mit \u00fcber hundert weiteren Patienten in einem von Kameras, Mikrofonen und Sensoren \u00fcberwachten Raum. Es war, als w\u00e4re es eine Leichenhalle, mit dem Unterschied, dass diese Leichen nicht tot waren, sondern entweder auf den Tod oder auf das Leben zu warten schienen. Als w\u00e4ren sie aus dem Spiel genommen worden und warteten darauf, noch einmal eingewechselt zu werden, hatte Alex gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wusste nicht, warum er ihren Bruder sehen wollte und er wollte nicht mit der Sprache herausr\u00fccken. Aber so voller Elan hatte sie ihn lange nicht mehr erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab Tage, da hatte sie gedacht, auch er liege im Koma, zumindest im geistigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war auf das Bett zugegangen, auf dem Marks Name stand, hatte nach seinen Lidern gegriffen und sie nach oben gezogen. Claudia war sprachlos gewesen, ebenso der Arzt, welcher sie begleitet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie d\u00fcrfen nicht&#8230;\u201c, weiter war er nicht gekommen. Alex hatte auf die halb ge\u00f6ffneten Augen gestarrt und es schien, als m\u00fcsse er sich zusammenrei\u00dfen, um nicht laut loszuschreien. Claudia sah, was ihn derart in Panik zu versetzen schien. Die Augen ihres Bruders hatten eine seltsame, undefinierbare Farbe angenommen, vom hellen braun der fr\u00fcheren Tage war nichts mehr zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOh mein Gott\u201c, hatte sie gestammelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer kann ihm auch nicht mehr helfen! Komm, wir fahren nach Hause, ich muss dir Einiges erz\u00e4hlen. Und du musst mir einige Fragen beantworten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatten den irritiert dreinblickenden Arzt stehen lassen und die Klinik auf direktem Wege verlassen. Im Auto hatte Alex nichts gesagt, doch sie sp\u00fcrte, dass er nur auf den richtigen Augenblick wartete, um sie aufzukl\u00e4ren. Als sie in ihrer Wohnung ankamen, hatte die D\u00e4mmerung bereits eingesetzt. Claudias Mann ging in sein Arbeitszimmer und holte seine Notizb\u00fccher &#8211; zumindest hatte sie immer geglaubt, dass es Notizb\u00fccher seien. Doch als er jenes, mit dem roten, umkreisten \u201eA\u201c auf dem Deckel aufschlug und ihr reichte, sah sie, dass es sich um Tageb\u00fccher handelte &#8211; um ausgesprochen ausf\u00fchrliche Tageb\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann sie zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230;Ich wei\u00df nicht, was \u00fcber mich gekommen ist. Es war, als h\u00e4tte mein Kopf zu pulsieren begonnen, als h\u00e4tte ich meine Gliedma\u00dfen nicht mehr in unter Kontrolle. Es hatte damit begonnen, dass der verdammte Meyer mal wieder seine Tage hatte und seine Wut an uns auslie\u00df. Hundertsechzig Runden&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich, als h\u00e4tte ich zwei N\u00e4chte durchgemacht, mich ausschlie\u00dflich von Whisky ern\u00e4hrt und w\u00fcrde jetzt nach drei\u00dfig Minuten Schlaf erwachen. Ich habe einen gro\u00dfen Fehler begangen, soviel ist sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt erst mal einen rauchen, dann setz&#8216; ich das hier fort&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>So, da bin ich wieder, stoned l\u00e4sst sich das alles doch direkt um L\u00e4ngen besser ertragen. Wie konnte ich Pete das nur antun? Hoffentlich ist er nicht allzu w\u00fctend auf mich. Ich habe gerade mit Petes Mutter telefoniert, sie meint, dass die \u00c4rzte ihn morgen am Sp\u00e4tnachmittag operieren wollen, ergo kann ich ihn erst am Samstag besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bin hundem\u00fcde, fall\u00a2 gleich um. Noch beschissener finde ich aber, dass ich gar nix mehr zu rauchen habe. Verdammt noch mal, das wird morgen wieder\u00a2n laaaaanger Schultag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorspiel 1 \u201eRebound!\u201c, schallte es durch die Sporthalle. \u201eAlex, wenn du nicht langsam anf\u00e4ngst, unter\u2019m Korb zu arbeiten, fliegst du<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/christian-papesch.de\/?page_id=155&#038;lang=de\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\">Rebound<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-155","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=155"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":550,"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/155\/revisions\/550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christian-papesch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}