{"id":147,"date":"2021-02-14T08:44:50","date_gmt":"2021-02-14T08:44:50","guid":{"rendered":"http:\/\/christian-papesch.de\/?page_id=147"},"modified":"2023-05-10T10:12:17","modified_gmt":"2023-05-10T10:12:17","slug":"albtraumfaenger-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/christian-papesch.de\/?page_id=147&lang=de","title":{"rendered":"Albtraumf\u00e4nger"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Prolog<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ende der Welt beginnt an einem Sonntag. An so einem typischen, gottverdammten Sonntag, den du eigentlich nur auf eine von zwei Weisen verbringen kannst: Wenn du mit jemandem zusammen bist, bleibst du einfach im Bett. Lauschst den Regentropfen die auf der Dachfensterscheibe trommeln, w\u00e4hrend ihr Herz dazu die Pauke schl\u00e4gt. Bum-bum, bum-bum, bum-bum, ein melancholischer Punkrockbeat im Dreiviertel-Takt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du liegst einfach nur da, mit angenehm schweren Augen, w\u00e4hrend der Horizont drau\u00dfen in der wirklichen Welt die letzten Bissen des Tages verschlingt, und dabei scharlachrotes Licht quer \u00fcber den Himmel sabbert. Wenn du den Atem anh\u00e4ltst, kannst du das Zucken ihrer Glieder sp\u00fcren. Immer dann, wenn sie durch die schmale Luke zwischen Wachen und Schlafen f\u00e4llt. Grundlos. Bodenlos. Und du f\u00e4llst mit ihr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Du nur mit dir selbst zusammen bist, schl\u00e4gst du um 14 Uhr 38 unsanft auf dem Laminatboden der Realit\u00e4t auf. Nachdem du eine gef\u00fchlte Ewigkeit lang versucht hast, dich vor ihrem schrillen Klingeln zu verkriechen \u2013 und dabei schlie\u00dflich \u00fcber die Grenzen deiner Matratze hinweggekrochen und aus dem Bett gefallen bist. Das Klingeln der Realit\u00e4t klingt wie Beethovens Neunte, die deine Tante Heidi in einem Anflug von Menschenhass irgendwann mal zum Rufton ihres steinzeitlichen Haustelefons gemacht haben muss. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadaaah dadadadadahhh<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du raffst dich auf, versuchst dem kleinen Mann mit dem gro\u00dfen Vorschlaghammer in deinem Kopf auszuweichen, und stolperst \u00fcber das halbvolle Glas Sauerl\u00e4nder Bockw\u00fcrste neben deinem Bett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadadadadadadadadah<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbeeindruckt k\u00e4mpfst du dich durch den Flur weiter in Richtung Badezimmer, wobei du schlurfende Wurstwasserfu\u00dfabdr\u00fccke auf dem Lieblingsteppich deiner Lieblingstante Heidi hinterl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadaaah<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Badezimmer angekommen stellst du fest, dass der saure Geschmack von halb verdautem Whiskey Sour noch saurer wird, wenn man ihn mit Zahnpasta mischt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadahhh<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du erbrichst diese Erkenntnis leise wimmernd ins Waschbecken, schleppst dich ins Wohnzimmer und starrst missbilligend das gro\u00dfe, rote Telefon an, dass dich von dem modernen Edelstahltischchen aus anbr\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadadadadadadadadah<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadahhh<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Resigniert ergreifst du den H\u00f6rer. Er ist kalt und schwer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHey Digga! Bist du wieder bei uns?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Du verfluchst den Tag deiner Geburt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie geht\u2019s eigentlich deinem Handy?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> Einen Moment lang bist du von dieser Frage irritiert. Weil der halbe Amerikaner in dir bei einem HANDY zun\u00e4chst nicht ans Telefonieren denkt, sondern an Samantha Smith aus der High School. Samantha mit den weichen Lippen und den noch weicheren H\u00e4nden, mit denen sie\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAls dir dein <em>Handy<\/em> gestern Nacht ins Pissoir gefallen ist\u2026,\u201c f\u00e4hrt die Stimme unbeirrt fort, \u201e\u2026 warst du da eigentlich ange<em>pisst<\/em>?\u201c Schallendes Gel\u00e4chter dr\u00f6hnt aus dem H\u00f6rer, das den kleinen Mann mit dem gro\u00dfen Vorschlaghammer zu neuen H\u00f6chstleistungen anspornt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAber es gibt auch eine gute Nachricht! Willst du sie h\u00f6ren?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nein! Nein, verdammt nochmal!<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFr\u00fcher musstest du immer aufs Display gucken. Jetzt hast du alle Nachrichten direkt im Urin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du stellst fest, dass du das spiralf\u00f6rmige Telefonkabel mittlerweile so fest um deine rechte Hand gewickelt hast, dass es dir das Blut abschn\u00fcrt.\u201eHey, jetzt sag doch auch mal was!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du atmest tief ein, unterdr\u00fcckst das Bed\u00fcrfnis, das altmodische Wahlscheiben-Telefon gegen die neumodisch greige-farbene Wand zu pfeffern, und schweigst stattdessen tapfer weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBen?\u201c, fragt pl\u00f6tzlich eine andere Stimme. \u201eIst alles okay bei dir?\u201c Weniger nerv-t\u00f6tend. Mehr besorgt. Und dann: \u201eIch glaube, wir haben es gefunden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du reibst dir die Augen. Dein Mund ist so trocken wie guter Humor. Aber er hat keine Pointe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSiehst du es auch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schales Tageslicht f\u00e4llt auf den kleinen Zettel, auf dem Tante Heidi <em>\u201edein unm\u00f6gliches Verhalten bei deiner Heimkehr um 6 Uhr heute Morgen!!!\u201c<\/em> anprangert \u2013 gleichzeitig aber auch auf \u201e<em>das gro\u00dfe St\u00fcck Schwarzw\u00e4lder Kirschtorte im K\u00fchlschrank\u201c<\/em> hinweist, <em>\u201edas unbedingt gegessen werden muss.\u201c<\/em> Als Gott deutsche Tanten erschuf, hatte er wahrlich einen gro\u00dfen Tag! Oder zumindest keinen Kater\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs ist riesig, Mann! Und ganz ehrlich\u2026 irgendwie gef\u00e4llt es mir nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wovon redet er?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWovon zum Teufel redest du?\u201c Du h\u00f6rst die Worte von den Felsw\u00e4nden deines Verstands widerhallen. Aber ihr Echo erreicht nie das Licht. Und deine Wirkliche-Welt-Stimme bleibt stumm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarte!\u201c Jetzt spricht wieder die erste Stimme. \u201eDas da soll es sein?\u201c Kurze Pause \u2013 gerade lang genug um auf eine m\u00f6gliche Antwort zu warten, und sie dann zu unterbrechen. \u201eDu willst mich doch verarschen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du schaust dich um. Nektarinenfarbenes Licht quillt durch die halb ge\u00f6ffneten Jalousien, und malt unwirkliche Schatten auf den Wurstwasser-verseuchten Teppich im Flur. Deine Augen wandern weiter durch den Raum, bis sie an dem altmodischen Telefon h\u00e4ngen bleiben, das wie ein Fremdk\u00f6rper auf einem ovalen Edelstahltischchen thront. Es scheint zu flackern. Ein loses Kabel im Schaltkreis der Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Irgendwas stimmt nicht<\/em>, denkst du.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIrgendwas stimmt nicht mit dem Telefon,\u201c sagst du in den H\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBen? Kannst du mich h\u00f6ren?\u201c Die Stimme klingt jetzt blechern, und deutlich weiter entfernt. Als w\u00fcrde Tante Heidis Wohnzimmer gerade durch einen Tunnel fahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIrgendwas stimmt nicht mit dem Telefon!\u201c, schreist du in den gro\u00dfen, roten Telefonh\u00f6rer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eI\u2026dwas \u2026immt\u2026 \u2026nicht,\u201c antwortet die Blechstimme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch rufe zur\u00fcck!\u201c, br\u00fcllst du, und knallst den gro\u00dfen, roten H\u00f6rer auf die gro\u00dfe, rote Gabel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Moment wird die Welt schwarz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eW\u2026s \u2026um T\u2026fel\u2026 is\u2026 h\u2026r \u2026os?\u201c Du schreist, doch deine Stimme bricht ab. Als h\u00e4ttest du die Verbindung zur Wirklichkeit endg\u00fcltig verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa\u2026n? W\u2026 \u2026 los?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statisches Rauschen f\u00fcllt deine Ohren. Deinen Kopf. Deinen Verstand. Dann ist die Leitung tot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als du die Verbindung zur Welt wiederherstellst, ist Tante Heidis Wohnzimmer verschwunden. Die W\u00e4nde und Fenster um dich herum sind verschwunden. Und der kleine Mann mit dem gro\u00dfen Vorschlaghammer in deinem Kopf ist ebenfalls verschwunden. Das einzige, was noch da ist, ist das gro\u00dfe, rote Telefon, das vor dir im Nichts zu schweben scheint. Es klingelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dadadadadaaah<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du nimmst den H\u00f6rer ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu hast mich gefunden\u201c, fl\u00fcstert eine Stimme am anderen Ende der Leitung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur, dass die Stimme gar keine Stimme ist. Sie ist ein Kribbeln. Das Kribbeln von einer Million Spinnenbeinen auf dem H\u00f6hlenboden deines Verstands, auf der Flucht vor dem Lichtkegel einer gigantischen Taschenlampe. Gott, wie du Spinnen hasst! Diese kleinen, ekelhaften Biester mit ihren spindeld\u00fcrren Beinen und bizarr geformten K\u00f6rpern. Und sie bei\u00dfen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bei\u00dfe nicht,\u201d fl\u00fcstert die Stimme die gar keine Stimme ist. \u201eEs sei denn, du willst, dass ich bei\u00dfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du knallst den gro\u00dfen, roten H\u00f6rer wieder auf die gro\u00dfe, rote Gabel. Doch als du die Hand anhebst, hebt sich der H\u00f6rer mit ihr. Als ob er an deiner Hand festgeklebt sei. Oder schlimmer noch: Als ob der H\u00f6rer in Wahrheit deine Hand sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu hast nach mir gesucht,\u201c fl\u00fcstert die Stimme aus deiner Telefonhand. Sie ist jetzt so klar, als w\u00fcrde ihr Besitzer direkt neben dir stehen. \u201eUnd du hast mich gefunden! Herzlich Willkommen in deinem sch\u00f6nsten Albtraum, Benjamin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading alignwide has-text-align-center\" id=\"we-re-a-studio-in-berlin-with-an-international-practice-in-architecture-urban-planning-and-interior-design-we-believe-in-sharing-knowledge-and-promoting-dialogue-to-increase-the-creative-potential-of-collaboration\" style=\"font-size:48px;line-height:1.1\">Teil 1 &#8211; <strong>W\u00e4lder<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>1<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon als kleiner Junge wusste ich, dass Nerweng ein au\u00dferordentlicher Ort war. So au\u00dferordentlich, dass es sich zun\u00e4chst ganz harmlos anf\u00fchlte. Wie meine Lieblingshose, wenn der Stoff am Knie und im Schritt langsam d\u00fcnner wurde. Kein Grund zur Sorge! Die h\u00e4lt schon noch! Bis eines Tages die N\u00e4hte rissen, und ich mit nacktem Arsch auf dem Kirchplatz stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Falle von Nerweng schien diese Au\u00dferordentlichkeit, diese konstante Spannung in den N\u00e4hten der Realit\u00e4t, aber niemanden wirklich zu beunruhigen. Wenn man hier aufwuchs \u2013 auf die Volksschule ging, danach in der Fabrik arbeitete, und irgendwann im selben Bett starb in dem man geboren worden war \u2013 geh\u00f6rte sie einfach dazu. Das w\u00fcrden meine Nachbarn und Freunde von fr\u00fcher sicher best\u00e4tigen, wenn man sie fragte. Falls sie nicht gerade zu besch\u00e4ftigt damit waren, die Fetzen ihrer Lieblingshosen zusammenzuflicken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein au\u00dferordentlicher Heimatort lag mitten im Pott. Im <em>Ruhrgebiet<\/em>, wenn man es weniger poetisch ausdr\u00fccken wollte. Diese Region \u2013 benannt nach dem Fluss Ruhr, der sich wie ein Kohlefl\u00f6z durch sie hindurchschl\u00e4ngelte \u2013 war in meiner Jugend f\u00fcr genau drei Dinge bekannt: Kohle, Stahl, und Luftverschmutzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>H\u00e4ngt eure W\u00e4sche blo\u00df nicht zum Trocknen raus<\/em>, pflegten die Leute zu sagen, <em>oder ihr k\u00f6nnt sie gleich nochmal waschen.<\/em> Diese Schwarzseher befanden sich jedoch meist nur auf der Durchreise: Bayrische Bauernt\u00f6lpel, die von ihren Bergen und Schl\u00f6ssern schw\u00e4rmten, oder Schw\u00e4bische Schw\u00e4tzer, die mit ihren Kuckucksuhren und M\u00f6chtegern-M\u00e4rchenw\u00e4ldern angaben. Sie kamen, erz\u00e4hlten uns in ihren Hinterw\u00e4ldler-Akzenten einen vom Pferd, und zogen dann wieder von dannen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch andere blieben. Kumpel aus Polen, Stahlarbeiter aus Italien, oder Mechaniker aus der T\u00fcrkei fanden hier zun\u00e4chst Arbeit in den Zechen und H\u00fctten, und kurz darauf eine neue Heimat direkt daneben. Und w\u00e4hrend der Stahl in den Hoch\u00f6fen immer schneller schmolz, verschmolzen darunter langsam auch die Kulturen. Und der Ruhrpott verschmolz mit ihnen: Dutzende St\u00e4dte und Gemeinden, Heimat von mehr als f\u00fcnf Millionen Menschen, flossen zusammen und legierten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dfer Nerweng! Nerweng ist nie mit irgendwem verschmolzen. Nerweng ist nie mit irgendwas legiert. In Nerweng kam von der gewaltigen Flamme, die den gesamten Pott zum Kochen brachte, nicht mal ein einziger Funke an. Als ob mein kleiner, au\u00dferordentlicher Heimatort mit einer Art Schutzschicht \u00fcberzogen w\u00e4re. Einer besonderen Isolierung, die stark genug war, um der Hitze der Hoch\u00f6fen und dem Druck von fl\u00fcssigem Stahl standzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, dass dieser Schutz aus den W\u00e4ldern kam. Den tiefen, dunklen W\u00e4ldern, die Nerweng einschlossen wie Fels einen Kohlefl\u00f6z. Und deren blo\u00dfer Anblick all die Bayern und Schwaben vor Neid in giftgr\u00fcne Goblins verwandelt h\u00e4tte &#8211; wenn sie jemals genug Mut aufgebracht h\u00e4tten sie zu betreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich damals das Haus meiner Eltern verlie\u00df und ein paar Schritte gen Westen ging, war ich schon bald nur noch von B\u00fcschen und B\u00e4umen umgeben. H\u00f6rte nichts, au\u00dfer dem Wind, der sanft durch die Zweige rauschte. Roch nichts, au\u00dfer dem bet\u00f6renden Duft der Einsamkeit. H\u00e4tte ich hier meine W\u00e4sche zum Trocknen aufgeh\u00e4ngt: Sie w\u00e4re wohl sauberer von der Leine gekommen als direkt nach dem Waschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die W\u00e4lder isolierten uns von weit mehr als nur dem Qualmen der Schlote und dem Dr\u00f6hnen der Fabriken. Sie hielten auch den Gestank der wirklichen Welt von uns fern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich im Jahr 1922 geboren wurde, klaffte ein gigantisches Loch in der Seele Europas, das die Unaussprechlichkeiten des Ersten Weltkrieg hineingerissen hatten. An meinem ersten Geburtstag kostete ein Laib Brot mehr als 100 Milliarden Reichsmark, und franz\u00f6sische und belgische Truppen hielten den Pott &#8211; das Ruhrgebiet \u2013 besetzt. Kurz nach meinem siebten Geburtstag sprangen ein paar Banker in New York aus dem Fenster, und die Welt st\u00fcrzte mit ihnen in die gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftskrise aller Zeiten. Und kurz vor meinem elften Geburtstag w\u00e4hlte das deutsche Parlament einen auffallend charismatischen \u00d6sterreicher mit auffallend bescheuertem Schnauzbart zu seinem Kanzler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber keine Sorge! Das hier ist keine dieser uns\u00e4glichen Geschichten, in denen ein Opa vom Krieg erz\u00e4hlt. Versprochen! Zum einen, weil sie im Jahr 1935 spielt \u2013 und der gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Schnauzbart zumindest \u00f6ffentlich noch damit besch\u00e4ftigt war, der Welt vorzugaukeln, dass er hinter all seiner uns\u00e4glichen Faschisterei eigentlich ein friedliebender Staatsmann war. Aber vor allem, weil sie in Nerweng spielt. Einem au\u00dferordentlichen Ort, der vom Rest der Welt so gut isoliert war, dass uns die Klauen der Geschichte zumeist nicht einmal kratzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber bitte versteht mich nicht falsch. Wir brauchten diese Klauen damals nicht, um uns zu verletzen. Denn hier in Nerweng floss das Blut irgendwann von ganz allein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>2<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAu, verdammt!\u201c Karlotta springt aus dem Brombeerbusch heraus, in den sie aus Unachtsamkeit hineingestolpert ist, und reibt sich die sichelf\u00f6rmige Schnittwunde am rechten Arm. \u201eHinterh\u00e4ltiges Schei\u00df-Gestr\u00fcpp!\u201c Sie b\u00fcckt sich, pult ihren Joint aus einem Haufen modriger Bl\u00e4tter, begutachtet ihn kurz, und steckt ihn sich dann wieder in den Mund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarte\u201c, murmelt sie, w\u00e4hrend sie in den Hosentaschen nach einem Feuerzeug kramt und den leicht l\u00e4dierten Joint wieder zum Glimmen bringt. \u201eDas da soll es sein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie atmet hellgrauen Rauch aus, der einen Augenblick lang die Sicht auf \u201edas da\u201c vernebelt, bevor er sich schlie\u00dflich in der lauen Nachmittagsluft aufl\u00f6st. Manchmal w\u00fcnscht Karlotta sich, dass sie das ebenfalls k\u00f6nnte: Sich einfach in Luft aufl\u00f6sen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wirft den Joint auf den feuchten Waldboden und tritt ihn aus. \u201eDu willst mich doch verarschen!\u201c Mit w\u00fctendem Blick starrt sie zwischen den windschiefen B\u00e4umen hindurch ihre beiden besten Freunde an. Wobei es nur dann ein w\u00fctender Blick ist, wenn man Karlotta von der rechten Seite betrachtet. Betrachtet man sie von links, ist ihr Mund zu einem humorlosen Grinsen verzerrt, ihre Wange verkrampft und ihr linkes Auge weit aufgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karlotta Kowlaczik ist zw\u00f6lf, als ihr eine halbseitige Gesichtsl\u00e4hmung diagnostiziert wird. Ursache: unbekannt. Prognose: vollst\u00e4ndige Heilung in sechs Wochen bis sechs Monaten. Sechs Jahre sp\u00e4ter hat sie dieses Versprechen der \u00c4rzte als schlechten Scherz abgetan. <em>Aber lachen muss ich dar\u00fcber immer noch, <\/em>sagt sie manchmal. <em>Weil ein Teil von mir eben immer lacht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBullshit!\u201c, faucht sie jetzt. \u201eWas f\u00fcr ein riesiger, dampfender Haufen Bullshit!Das da\u2026\u201c, sie deutet in den Wald hinein, \u201e\u2026 ist der Grund, warum wir jetzt schon seit mehr als zwei Stunden durch diesen gottverdammten Wald irren? Diese stinkende, ausgebrannte\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJetzt halt doch bitte f\u00fcr eine einzige Millisekunde deines Lebens einfach mal die Fresse!\u201c Der scharfe Ton in Nathans Stimme schneidet Karlotta tats\u00e4chlich das Wort ab. Als er weiterspricht, ist diese Sch\u00e4rfe aber schon wieder verschwunden. Stattdessen liegt Besorgnis in seinen Worten. Und\u2026 Angst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBen? Kannst du mich h\u00f6ren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Ben antwortet nicht. Er starrt mit weit aufgerissenen Augen das schwarze Haus zwischen den kahlen B\u00e4umen an, das aus mit Brettern verrammelten Fenster zu ihnen zur\u00fcckstarrt. Es ist gigantisch. Und es muss noch weitaus gigantischer gewesen sein, bevor es vor vielen Jahren einem Brand zum Opfer gefallen ist, der es bis auf sein schwarzes Skelett ausgezehrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Feuer erw\u00e4hnt das Buch in Bens H\u00e4nden zwar nicht, aber ansonsten entspricht das Geb\u00e4ude ziemlich genau den Beschreibungen auf den dicken, vergilbten Seiten. Es ist augenscheinlich ein Forsthaus, erinnert mit seiner mindestens f\u00fcnfundzwanzig Meter breiten Front und den unz\u00e4hligen T\u00fcrmchen und Giebeln allerdings eher an eine viktorianische Villa. Dicke S\u00e4ulen st\u00fctzen das Vordach, an dessen Spitze ein \u00fcberdimensional gro\u00dfes Hirschgeweih prangt, vor dessen Anblick anscheinend selbst die Flammen zur\u00fcckgeschreckt sind. Breite Stufen f\u00fchren zu einer massiven, zweifl\u00fcgeligen Eingangst\u00fcr hinauf. Obwohl das Haus mitten im Wald steht, scheint es, als h\u00e4tten die kahlen, uralten B\u00e4ume freiwillig ein Spalier gebildet, um ihm nicht zu nahe zu kommen. Die treue Leibgarde ihrer Majest\u00e4t. Erstarrt in Ehrfurcht \u2013 oder einfach in Furcht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wer kann es ihnen verdenken? Selbst in seinem ausgebrannten und komplett vermoderten Zustand vermittelt das Haus noch immer den Eindruck pomp\u00f6ser Bedrohlichkeit. Und obwohl es fast einem Wunder gleicht, dass es nicht l\u00e4ngst in sich zusammengefallen ist, scheint es zugleich fast so, als k\u00f6nnten seine Innenr\u00e4ume noch immer unversehrt und problemlos bewohnbar sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau wie Karlotta nimmt auch Ben einen seltsamen Geruch in der Luft war. Er riecht ihn so deutlich, wie er Leylas Parfum gerochen hat, wenn sie an einem dieser Sonntage das Bett teilten. Einem dieser gottverdammt wundervollen Sonntage, die sein betrunkenes Ich nun wohl endg\u00fcltig in die Vergangenheit verbannt hatte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es ist kein Parfum! Es ist etwas Anderes. Etwas Fremdes. Ein omin\u00f6ser Duft, der seine Sinne \u00fcberflutet, gepaart mit einem seltsamen Kribbeln, das sich unbemerkt in seinen Verstand geschlichen und in seinem Herzen eingenistet hat. Ein Gef\u00fchl unb\u00e4ndiger Faszination, das ihn davon abh\u00e4lt, den Blick von dem schwarzen Forsthaus im Wald abzuwenden. Das es ihm unm\u00f6glich macht, sich in irgendeine andere Richtung zu bewegen als vorw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>3<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Verstand war schon ein seltsames Ding, nicht wahr? F\u00fcr Kinder war er wie eine H\u00f6hle. D\u00fcster und angsteinfl\u00f6\u00dfend, und vor allem unglaublich aufregend. Doch je \u00e4lter wir wurden, desto mehr kannten wir uns darin aus. Fingen irgendwann sogar damit an, \u00fcberall Lampen anzubringen. Stellten Regale auf, Schr\u00e4nke, vielleicht sogar eine Couch und einen Fernseher. Und ehe wir uns versahen, hatten wir aus unserer einst so aufregenden H\u00f6hle einen komplett gew\u00f6hnlichen Keller gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das letzte, woran ich mich noch erinnerte, war wie ich die knarzende Treppe hinunterstieg. Wie ich mich krampfhaft an dem wackeligen Gel\u00e4nder festhielt, das wahrscheinlich genauso unzuverl\u00e4ssig war wie der Rest dieser verdammten Bruchbude. Aber wenn man so alt war wie ich, wollte man auf keinen Fall das Gleichgewicht verlieren! Als ich endlich am Fu\u00df der Treppe ankam, schlug mir das Herz bis zum Hals. Teils aus Ersch\u00f6pfung, teils auch aus Angst. Wann war ich zum letzten Mal hier unten gewesen? Ich erinnerte mich nicht. Was f\u00fcr eine \u00dcberraschung!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich dr\u00fcckte den Lichtschalter auf der linken Seite der Treppe. Er funktionierte nicht. Moment! Er funktionierte doch. Ein schwaches, gelbes Licht flammte auf, am Ende eines langen Korridors voller Staub und Spinnweben. Ein Teil von mir f\u00fcrchtete sich vor dem, was ich m\u00f6glicherweise in den alten Umzugskartons finden w\u00fcrde, die sich dort bis unter die Decke stapelten. Aber ein anderer Teil freute sich auch darauf. Und als ich die erste Box aufriss \u2013 jene, auf der in windschiefen Buchstaben <em>SOMMER 1935: WIE DER ALBTRAUM BEGANN<\/em> geschrieben stand \u2013 \u00fcbernahm dieser andere Teil das Kommando.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich roch ich wieder die alten B\u00e4ume und das frische Gras, h\u00f6rte Stimmengwirr und Gel\u00e4chter \u2013 vertraut, irgendwie, und hochansteckend. Nichts h\u00e4tte ich lieber getan, als mit dem Kopf zuerst in den Karton zu kriechen, und den Deckel hinter mir einfach zufallen zu lassen. Aber das konnte ich nicht. Zumindest jetzt noch nicht. Weil das nicht der Moment war, mit dem diese Geschichte beginnen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichte begann in einem v\u00f6llig anderen Karton. Einem, der im Moment noch halbleer war. Dem allerletzten Karton, den ich hier unten abstellen und dann fest mit Paketband verkleben w\u00fcrde. Bevor ich diese ganze verdammte Bruchbude bis auf ihre Grundmauern niederbrannte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>4<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir haben es gefunden, oder?\u201c wiederholt Nathan seine Frage \u2013 und reibt sich dabei das linke Handgelenkt, auf dem die mannshohen Herkulesstauden ein unangenehmes Brennen zur\u00fcckgelassen haben. Doch sein Freund Ben antwortet nicht. Wie in Trance starrt er das schwarze Haus an, das jetzt im faden Licht der untergehenden Fr\u00fchsommersonne zu flirren scheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jonathan Harold, der von seinen wenigen Freunden meist Nathan, und von Karlotta und Ben manchmal auch Nathan der Wei\u00dfe genannt wird \u2013 eine hybride Hommage an Tolkien und Lessing \u2013 zwirbelt unruhig seinen hellblonden Bart, der ihm fast bis zum Bauchnabel reicht. Sein genauso langes, und genauso blondes Kopfhaar hat er zu einem filigranen Pferdeschwanz geflochten, und mit einer breiten, violetten Schleife zusammengebunden. Nathan \u00fcberragt Karlotta um fast eine Unterarml\u00e4nge \u2013 sein Unterarm, nicht ihrer \u2013 und seine Schultern sind so breit, dass er zwischen den knorrigen B\u00e4umen nur dann hindurchpasst, wenn er sich seitw\u00e4rts an ihnen vorbeischiebt. Und doch ahnt er, dass er den Kampf gegen was-auch-immer in dem schwarzen Forsthaus auf sie lauert, nicht gewinnen kann. Zum einen, weil in seinem Leben noch nie einen Kampf gewonnen hat \u2013 weil er sich aus Prinzip weigert zu k\u00e4mpfen. Und zum anderen, weil Kraft und K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe gegen D\u00e4monen nichts ausrichten k\u00f6nnen. Selbst dann nicht, wenn man eigentlich gar nicht an D\u00e4monen glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Moment geht ein Beben durch Nathans K\u00f6rper, nur wenige Zentimeter von seinem linken Hoden entfernt. Mit tauben Fingern greift er in seine Hosentasche, und zieht sein Handy heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">WebWorX<em>-Nachricht von Leyla \u00d6lmez (vor 4 Minuten): ich wei\u00df echt nicht was ich machen soll <\/em><em>\ud83d\ude41 &nbsp;\ud83d\ude41 &nbsp;\ud83d\ude41<\/em><em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">WebWorX<em>-Nachricht von Leyla \u00d6lmez (vor 3 Minuten): er hat mich einfach stehen lassen\u2026 :\u2018(<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">WebWorX<em>-Nachricht von Leyla \u00d6lmez (jetzt): kannst du mit ihm sprechen??? BITTE Nathan!!!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich w\u00fcnschte, dass k\u00f6nnte ich<\/em>, denkt Nathan, und mustert Ben mit einer Mischung aus Unbehagen und Irritation. Dann seufzt er, und beginnt mit seinen riesigen Fingern etwas unbeholfen auf dem Bildschirm herum zu tippen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>warum fragst du eigentlich immer mich, wenn es bei dir und deinen typen kriselt? Ich STEHE vielleicht auch auf m\u00e4nner, aber VERstehen kann ich sie deshalb noch lange nicht!!!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&nbsp; <\/em>Er liest, was er geschrieben hat, seufzt noch einmal, und l\u00f6scht die Nachricht. Dann schreibt er:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>warum kommst du nicht sp\u00e4ter bei mir vorbei, und erz\u00e4hlst mir in aller Ruhe, was los ist? und vielleicht kann ich dich danach irgendwie auf andere gedanken bringen\u2026 \ud83d\ude1b \ud83d\ude1b \ud83d\ude09<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp; Er grinst, l\u00e4sst seinen Blick von Ben zu dem schwarzen Forsthaus und wieder zur\u00fcckwandern, und l\u00f6scht dann auch die zweite Nachricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>ich gebe mein bestes! das wird schon wieder! :* :* :*<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er starrt seine Nachricht an, seufzt ein drittes Mal, und dr\u00fcckt schlie\u00dflich die SENDEN-Taste \u2013 was sein Handy mit einem entt\u00e4uschten \u201eB\u00f6b\u201c beantwortet. Dann poppt ein kleiner, roter Kasten auf seinem Bildschirm auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>VERBINDUNG UNTERBROCHEN<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Natan schaut zu Karlotta her\u00fcber, die gerade einen neuen Joint dreht; und den gigantischen Haufen Schei\u00dfe, in dem sie bis zu den Augenbrauen stecken, einfach zu ignorieren scheint. Dann wieder zu Ben, der schon seit Minuten einfach nur dasteht. Vollkommen regungslos, wie eine Marionette, gefangen in den F\u00e4den der Zeit. Und schlie\u00dflich zu dem gigantischen, niedergebrannten Forsthaus, das sich zwischen den laublosen B\u00e4umen emporhebt, wie der Schatten einer schwarzen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur\u2026 da ist gar kein Schatten! Nathans Magen f\u00fchlt sich pl\u00f6tzlich so an, als habe jemand eine Bowlingkugel hineingeworfen und in seinen Eingeweiden einen Strike geworfen. Obwohl sich die langsam untergehende Sonne schon seit ihrer Ankunft feige unter einer Decke aus hellgrauen Wolken verkriecht, produziert ihr fahles Licht dennoch Schatten. Die B\u00fcsche und Pflanzen werfen Schatten! Nathan, Karlotta und Ben werfen Schatten! Selbst die seltsamen, kahlen B\u00e4ume rund um das Forsthaus werfen Schatten, die wie gigantische Spinnentiere \u00fcber das vollkommen brach liegende Feld vor ihnen kriechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch das Haus selbst wirft keinen! An der Stelle, auf die eigentlich sein Schatten fallen m\u00fcsste, ist\u2026 nichts. Leere. Fehlgeleitetes Licht. Als wisse selbst die Sonne bereits, dass es das schwarze Forsthaus eigentlich gar nicht geben d\u00fcrfe.<strong><br><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>5<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lernte Benjamin Nahele Ahrents an meinem 103. Geburtstag kennen. Einem bew\u00f6lkten Sonnabend Ende Mai. Wenn man davon absah, dass ich zum Fr\u00fchst\u00fcck au\u00dfer einer matschigen Scheibe Wei\u00dfbrot und lauwarmem Fencheltee zus\u00e4tzlich noch ein viel zu hart gekochtes Fr\u00fchst\u00fccksei serviert bekam \u2013 und mir die Pflegerin mit einem netten, wenn auch aufgesetzten L\u00e4cheln beim Toilettengang half \u2013 war es ein Tag wie jeder andere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Regentropfen prasselten an die staubige Scheibe meines zwanzig Quadratmeter K\u00f6nigreichs, und als ich einen Blick aus der Zimmert\u00fcr warf, erblickte ich Frau Schrukowiak, die sich mithilfe ihres Gehwagens durch den sterilen Flur qu\u00e4lte. Als sie mich sah, sch\u00fcttelte sie kaum merklich den Kopf und wandte sich ab. Um ein Haar w\u00e4re sie mit einem heraneilenden Pfleger kollidiert, doch der Wei\u00dfkittel wich ihren schlurfenden Schritten gerade noch rechtzeitig aus. Dabei stie\u00df er mit seinen Birkenstock-Latschen gegen eine Topfpflanze und verteilte Seramis-Steine quer \u00fcber den Flur. Er ging weiter, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Die Flure des dritten Stocks wurden um halb drei geputzt. Jeden Tag. Ohne Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schloss die Augen. \u201eWillibald\u201c, sagte ich zu mir selbst, \u201eich w\u00fcnsche dir alles Gute zu deinem Ehrentag. Solange die Kapelle noch Musik f\u00fcr dich spielt, wird es deine Aufgabe bleiben, die richtigen Tanzschritte zu finden.\u201c Und die Kapelle spielte noch \u2013 auch wenn aus dem Wiener Walzer im Laufe der Jahre ein nicht enden wollender Schmusetanz mit mir selbst geworden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich \u00f6ffnete die Augen wieder. Die Neonr\u00f6hren an der Zimmerdecke verstr\u00f6mten ein glei\u00dfend helles Licht, das mir in den Augen brannte. Die marode Zentralheizung rauschte. Zu gern h\u00e4tte ich sie ausgeschaltet. Doch sie besa\u00df kein Thermostat. Die Zimmertemperatur wurde von der Heimleitung festgelegt. Und sie war das ganze Jahr \u00fcber konstant. Konstant zu warm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lie\u00df mich in meinen alten Ohrensessel sinken und schaute aus dem Fenster in den leeren Innenhof hinaus. Ich stellte mir vor, wie dieser Innenhof wohl ausgesehen h\u00e4tte, wenn das hier ein Kindergarten und kein Altenheim gewesen w\u00e4re. Wenn all die sterilen Flure und Zimmer von hellem Kinderlachen durchflutet w\u00fcrden, das jeden noch so griesgr\u00e4migen Greis mit Gl\u00fcck und Zufriedenheit erf\u00fcllte. Stattdessen h\u00f6rte man hier allerh\u00f6chstens das Kaffeetassengeklapper von Scheintoten wie mir, und alles was wir hier f\u00fcllten waren Sp\u00fclmaschinen, Windeln und \u2013 in nicht allzu ferner Zukunft &#8211; S\u00e4rge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor meinem geistigen Auge erschienen gl\u00fccklich lachende Jungen und M\u00e4dchen, die Gummitwist spielten und ihre saubere Schulkleidung auf dem riesigen Kletterger\u00fcst oder im Sandkasten ruinierten. Ich sah ihnen dabei zu, wie sie einander neckten, wie sie Ball spielten, herumtobten und rauften \u2013 als w\u00e4ren sie nicht blo\u00df Ausgeburten meiner Fantasie. Und w\u00e4hrend ich sie beobachtete, muss ich wohl eingeschlafen sein. Denn als ich, aufgeschreckt durch ein Klopfen an der T\u00fcr, die Augen wieder aufschlug, standen die Zeiger der alten Kuckucksuhr an meiner Wand bereits auf viertel vor zw\u00f6lf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJames, ich gedenke den Lunch heute im Kaminzimmer einzunehmen\u201c, murmelte ich. \u201eWhite wine with the fish, and the same procedure as every year.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch anstatt des Wei\u00dfkittels, der mir mein fettarmes Mittagsmahl auf dem unvermeidlichen, eierschalenfarbenen Tablett servierte, betrat zu meiner \u00dcberraschung ein vielleicht 18-j\u00e4hriger Junge mein Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMister Daringhoff?\u201c, fragte er, mit einem unverkennbaren Akzent, der wie Deutsch mit Kaugummi klang. Er lie\u00df seinen Blick dabei unsicher durch den Raum wandern, bis er schlie\u00dflich an meiner verwaschenen Strickweste h\u00e4ngen blieb, die die Lehne des h\u00f6lzernen Besucherstuhls bedeckte. Die Bezeichnung <em>Besucherstuhl<\/em> t\u00e4uschte allerdings, denn offen gestanden gab es schon lange niemanden mehr, der diese Sitzgelegenheit in Anspruch genommen h\u00e4tte. Und so verwendete ich ihn nur noch als <em>Kleidungszwischenlagerungsstuhl<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn Person und Lebensgr\u00f6\u00dfe\u201c, antwortete ich und stand auf, um meinen Gast zu begr\u00fc\u00dfen. \u201eHello and welcome!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ePlease\u2026 bleib Sie dock bitte sitzen,\u201c sagte der Junge, sichtbar \u00fcberrascht von meiner Begr\u00fc\u00dfung. \u201eIck m\u00f6kte Ihnen keine Umst\u00e4nden macken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNoch macht mir das Aufstehen keine allzu gro\u00dfen Umst\u00e4nde\u201c, erwiderte ich \u2013 w\u00e4hrend ich gegen das Schwindelgef\u00fchl ank\u00e4mpfte, mit dem mein K\u00f6rper seit ein paar Monaten \u00fcberraschende Bewegungen quittierte. Ich gewann die Runde nach Punkten, und machte zwei schlurfende Schritte auf meinen unerwarteten Besucher zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00df, hatte dunkles Haar und noch dunklere Augen. Seine Gesichtsz\u00fcge waren fein geschnitten, und sein L\u00e4cheln wirkte freundlich und aufrichtig. Seine hellblaue Jeans schien irgendwie nicht richtig zu sitzen, aber das war vermutlich nur ein neuer Modetrend, der es noch nicht in meine altmodische Welt geschafft hatte. Er trug eine schwarze Stoffjacke und ein graumeliertes T-Shirt, von dem mich ein seltsam entstelltes Gesicht anstarrte, das sich beim genaueren Hinsehen als eine Vielzahl von Gesichtern entpuppte: Ich erkannte einen jungen Mann mit Seitenscheitel und Krawatte, dann denselben Mann mit Glatze und Vollbart, dann wieder glattrasiert mit einem goldenen Ring in der Nase, dann mit bunt bemaltem Gesicht und auff\u00e4lligem Federschmuck auf dem Kopf. <em>All I can do is be me, whoever that is<\/em> war in verschlungenen, schwarzen Buchstaben unter all diesen deckungsgleich \u00fcbereinanderliegenden Gesichtern zu lesen. Doch weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, was das bedeuten sollte, wandte ich meine Aufmerksamkeit von dem zweidimensionalen Stoffdruck-Besucher ab und konzentrierte mich wieder auf jenen, der tats\u00e4chlich aus Fleisch und Blut zu bestehen schien. Er streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie. Unser H\u00e4ndedruck war kurz und fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIck hoffe, ick st\u00f6rre Sie nickt\u201c, sagte der Junge. \u201eSonst kann ick auch eine andere Mal wiederkomme.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNun ja\u201c, entgegnete ich ihm, \u201eich studiere bereits seit geraumer Zeit die atemberaubende Architektur dieses Innenhofes.\u201c Ich zeigte mit der Hand auf das Fenster, an dem die Regentropfen wie Murmeln hinunterkullerten. \u201eBis zum Abschluss meiner Untersuchungen werden wohl noch einige Tage vergehen. Vielleicht sollten wir in der kommenden Woche einen neuen Termin vereinbaren. Warum rufst du nicht bei meiner Sekret\u00e4rin an, dann k\u00f6nnt ihr die Details besprechen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Junge schien einen Moment lang zu z\u00f6gern, dann nickte er unsicher. \u201eWas auck immer f\u00fcr Sie am besten ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZis was a joke, young boy\u201c, erwiderte ich. Dann tat ich etwas, was ich seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Ich l\u00e4chelte. Als er mich fragend ansah, fuhr ich fort: \u201eDieser Innenhof\u2026 nun ja, das Einzige, was mich daran wirklich fasziniert, ist seine unvergleichliche H\u00e4sslichkeit. Aber um diese zu erkennen, bedurfte es keiner l\u00e4ngeren Studien. Das habe ich in rund 1,43 Sekunden geschafft. Nimm doch bitte Platz.\u201c Mit diesen Worten schubste ich die Kleidungsst\u00fccke vom Besucherstuhl auf den Boden und wies mit der Hand darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIck bin Benjamin Nahele Ahrents, Herr Daringhoff\u201c, stellte er sich vor, nachdem er Platz genommen hatte. \u201eIck bin eine Exchange Student\u2026 eine <em>Austauschsch\u00fcler<\/em> aus Anaheim in California. Und\u2026 ick brauche Ihre Hilfe! Ick\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann geschah etwas h\u00f6chst Seltsames: Der Ausdruck auf Benjamins Gesicht ver\u00e4nderte sich, von freundlich, zu nachdenklich, zu besorgt, und dann zu etwas, das ich nicht wirklich einordnen konnte. Misstrauen vielleicht? Oder Verwirrung? Es kam mir vor, als habe er anfangs einen ziemlich klaren Gedanken im Kopf gehabt, der pl\u00f6tzlich von einem v\u00f6llig anderen gewaltsam zur Seite gesto\u00dfen wurde. Und ich hatte den Faustkampf der Gedanken auf Benjamins Gesicht live mitverfolgt &#8211; wie auf einer Gro\u00dfleinwand. Oder hatte sich mein alter, m\u00fcder Verstand das alles nur eingebildet?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein! Nein, irgendetwas stimmte hier nicht! Irgendetwas stimmte mit Benjamin nicht. Er sah pl\u00f6tzlich nicht mehr wie der fr\u00f6hliche Junge aus, der vor ein paar Minuten mein Zimmer betreten hatte. Dass, was ich da in seinem Gesicht sah, war Hilflosigkeit. Hilflosigkeit, und Angst. Wie eine kleine, wehrlose Spinne, die von irgendwem aufgeschreckt worden war, und jetzt um ihr Leben krabbelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph\">Albtraumf\u00e4nger, Leseprobe<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog Das Ende der Welt beginnt an einem Sonntag. 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