Albtraumfänger

„Das soll es sein?“, fragte Carlos, während er den weißen Rauchwolken hinterher blickte, die aus seinem Mund quollen wie aus einem geschnitzten Räuchermännchen. „Das ist das geheimnisvolle Haus, wegen dem wir seit über einer Stunde durch diesen beschissenen Wald irren?“

Er warf den Joint auf den feuchten, von Laub und Schneeresten bedeckten Boden und trat ihn aus. „Das ist doch Scheiße, Ben! Ich habe dir ja immer gesagt, dass das alles nur blöde alte Geschichten sind. Das da …“, er deutete in den Wald hinein, „… ist eine verkohlte Ruine. Vielleicht war es früher einmal ein Forsthaus oder so was in der Art, aber jetzt ist es nichts weiter als eine Bruchbude, die irgendwann mal ausgebrannt ist. Vermutlich hat der Besitzer sie sogar selbst angesteckt, weil er den verkackten, meilenweiten Weg nicht mehr ertragen hat. Ehrlich, ich könnte schon kotzen, wenn ich nur daran denke, dass wir diesen verfickten Matschpfad auch wieder zurückgehen müssen. Meine Schuhe sehen aus, als hätte ich sie in einer Jauchegrube gebadet. Und riecht ihr das? Irre ich mich oder stinkt der ganze Wald hier nach Scheiße? Ich hätte zu Hause bleiben sollen, da war es warm und ich hatte einen Sessel, Musik und einen ganzen Kasten Bier. Fuck, Ben! Du solltest anfangen, Reiseführer zu schreiben. Vielleicht hast du ja noch mehr von diesen grandiosen Ausflugstipps auf Lager. In Sachsen-Anhalt soll es ganz ausgezeichnete Gülletümpel und noch aufregendere Steinhaufen geben. Das wäre doch was für uns, oder nicht? Verdammt Jungs, lasst uns endlich von hier abhauen, bevor …“

„Jetzt halt doch bitte nur eine einzige Minute lang mal deine Fresse“, fuhr Jonathan ihn an. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah den dicken, Nickelbrille tragenden Jungen mit wütender Miene an. Carlos Ricardo Baca Morales war Halbperuaner, hatte von seinem lateinamerikanischen Vater jedoch lediglich den Namen und das unermüdliche Mundwerk geerbt. Seine Haut war käsig, seine Gesichtszüge kantig, und seine Figur wirkte bullig. Von seinem gesamten Erscheinungsbild her erinnerte Carlos mehr an einen Osteuropäer als an einen Latino. Verächtlich blickte er auf seine weißen Adidas-Turnschuhe hinunter, die unter der braunen Schmutzschicht kaum mehr zu erkennen waren. Er wollte gerade zu einer weiteren Schimpftirade ansetzen, als Nathan ihn mit einem gefluchten „Carlos!“ zum Schweigen brachte.

„Wir haben es gefunden, nicht wahr?“, fragte er an Ben gewandt. Doch sein Freund antwortete ihm nicht. Er starrte nur mit weit aufgerissenen Augen zwischen den riesigen Bäumen hindurch und rührte sich nicht.

Jonathan Harold, der von allen nur Nathan gerufen wurde, war mit einem Meter siebenundneunzig der größte von ihnen. Er warf einen verärgerten Blick auf sein Handy, das bereits zum wiederholten Mal vibriert hatte. Als die Worte Eingehender Ruf erneut aufleuchteten, schaltete Nathan das Gerät schließlich ab.

„Ben?“, fragte er dann, während er sich das lange, dunkelblonde Haar aus dem Gesicht strich. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

Doch er erhielt noch immer keine Antwort. Wie in Trance starrte Ben das halb abgebrannte Haus an, das sich einige hundert Meter von ihnen entfernt hinter einem brach liegenden Feld zwischen den Bäumen emporhob. Es war groß – und es musste noch viel größer gewesen sein, bevor es der züngelnden Flammenbrunst zum Opfer gefallen war.

Von einem Feuer hatte in dem alten Buch zwar nichts gestanden, aber ansonsten entsprach das Gebäude haargenau den Beschreibungen. Es war ein Forsthaus, erinnerte mit seiner bestimmt fünfundzwanzig Meter langen Vorderfront und dem überdimensionalen Giebel allerdings eher an eine Villa aus Vom Winde verweht. Dicke Säulen stützten das gigantische Vordach, an dessen vorderer Front ein Hirschgeweih prangte, dem die Flammen anscheinend nichts hatten anhaben können. Breite Stufen führten zu der massiven, zweiflügeligen Eingangstür hinauf. Obwohl das Haus mitten im Wald stand, schien es, als hätten die uralten Bäume freiwillig eine Art Spalier gebildet, das den Blick auf seine imposante Erscheinung preisgab. Auch in abgebranntem Zustand vermittelte es immer noch einen Eindruck von pompöser Bedrohlichkeit. In Anbetracht der fatalen Brandschäden glich es einem Wunder, dass es noch nicht in sich zusammengefallen war. Dennoch kam es Ben so vor, als könnten die vielen Zimmer in seinem Innern vollkommen unversehrt und problemlos bewohnbar sein. Auch er nahm den seltsamen Geruch wahr, der in der Luft lag. Er roch ihn so deutlich, wie er das Parfum eines Mädchens gerochen hätte, mit dem er das Bett teilte. Nur, dass es kein Parfum war. Es war etwas Anderes. Etwas Fremdes. Ein Geruch, den er nicht kannte. Ebenso wenig, wie er das Gefühl kannte, das seinen Körper beschlichen und sich in seinem Herzen eingenistet hatte. Ein Gefühl unbändiger Faszination, das es ihm unmöglich machte, den Blick von dem seltsamen Bauwerk abzuwenden. Das es ihm unmöglich machte, sich in eine andere Richtung zu bewegen als vorwärts. In Richtung des brach liegenden, halb gefrorenen Feldes, der seltsam gewachsenen Bäume und des schwarzen Forsthauses.

„Ben?“, fragte Nathan unsicher. „Hörst du mich? Ben?“ Auch er spürte, dass etwas nicht stimmte. Dass irgendetwas in der Luft lag, das er nicht in Worte fassen konnte.

„Was ist mit ihm, verdammt noch mal?“, schaltete Carlos sich ein. „Immer wenn er kifft, kriegt er so einen abwesenden Blick. Oder habt ihr die Mushrooms etwa ohne mich gegessen? Jungs, das fänd ich echt beschissen von euch. Wenn ihr in diesem Schuppen da hinten mehr seht als die stinkende Ruine eines alten Forsthauses, dann müsst ihr wirklich schon ziemlich prall sein. Also mir reicht’s! Ich bau jetzt erst mal einen und dann hau ich ab von diesem Scheißhaufen.“

„Carlos!“, fuhr Nathan ihn an. „Hier stimmt irgendwas nicht! Geht das denn nicht in deinen dicken Schädel, verdammt noch mal?“

„Klar, ihr habt euch Psychopilze reingezogen und mir davon nichts übrig gelassen! Das ist es, was hier nicht stimmt!“, fauchte Carlos und zog ein längliches Stück Pappe aus der Hosentasche, das er zu einem dünnen Röhrchen zusammenrollte. „Ich habe ein Drittel davon bezahlt, ihr Penner! Die Kohle will ich wiederhaben, damit das …“

Weiter kam er nicht, denn plötzlich packte Nathan ihn an den speckigen Armen und schüttelte ihn so sehr, dass Carlos die Worte im Hals stecken blieben und er laut zu husten begann. Als Nathan sicher war, dass sein Freund den Hustenanfall überwunden hatte und er seine volle Aufmerksamkeit genoss, ließ er ihn los und starrte ihn mit ernster Miene an. Als er zu reden begann, war seine Stimme kühl und klang seltsam belegt. „Die Pilze liegen in deinem verdammten Kühlschrank, Carlos. Du selbst hast sie dort deponiert, direkt bevor wir losgegangen sind. Und Ben ist auch nicht breit – zumindest nicht breiter als du oder ich. Es ist dieser Ort, Carlos! Dieses Haus! Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas geht hier vor. Und ich habe Angst davor. Verstehst du das?“

Diesen letzten Satz hatte Nathan nur noch geflüstert. Carlos sah ihn einen Moment lang mit unsicherer Miene an. Dann wandte er sich ab und starrte das abgebrannte Forsthaus an, das von der langsam untergehenden Abendsonne in ein gespenstisches Licht getaucht wurde.

„Das ist … verrückt“, stammelte er. „Einfach verrückt. Das ist ein Forsthaus, das vor einer kleinen Ewigkeit abgebrannt ist. Nichts weiter. Wollt ihr mich verarschen?“ Plötzlich verzog er seine schmalen Lippen zu einem Grinsen, das unheimlich und zugleich unglaublich dämlich wirkte. „Das ist es, oder? Ihr habt mich in diesen Pisswald geschleppt, um mir Angst zu machen. Aber nicht mit mir! Nicht mit Carlos Ricardo Baca Morales! Jungs, das könnt ihr schön vergessen! Da müsst ihr mir schon mehr bieten als dieses drittklassige Spukhaus!“ Er lachte laut, aber ohne jedes Gefühl. Als die Laute von irgendwoher widerhallten, klangen sie gespenstisch und schienen zu zittern. Beinahe wie der verschrobene Ruf eines Dämons, der irgendwo im Dickicht auf sie lauern musste. „Hörst du das, Ben?“, brüllte Carlos und seine Stimme überschlug sich beinahe. „Ich habe euch durchschaut! Gebt euch keine Mühe!“

Nathan starrte ihn an. In seinem Blick lag etwas, dass zwischen Wut und Panik hin- und herschwankte.

„Ben!“, schrie Carlos und lachte hysterisch. „Ben, du kannst zurückkommen! Du kannst aufhören, so zu tun, als würdest du von einer unsichtbaren Macht dazu getrieben, auf dieses verfluchte Haus zuzugehen.“

„Was sagst du da?“ Nathan fuhr herum und erstarrte. Ben hatte das öde Feld beinahe überquert und hielt weiterhin mit schnellen Schritten auf das Haus zu, das nur noch hundert Meter von ihm entfernt war. Plötzlich stolperte er, stürzte der Länge nach auf den lehmigen Boden und rappelte sich sofort wieder auf, um seinen Weg fortzusetzen.

„Ben!“, brüllte Nathan. „Bleib stehen, verdammt noch mal!“

Einen kurzen Moment lang zögerte er. Dann rannte er los, ohne Carlos auch nur eines einzigen weiteren Blickes zu würdigen.

„Nathan?“, fragte dieser erschrocken. „Nathan!“

Er fluchte leise, ließ den halb fertig gedrehten Joint fallen und begann ebenfalls zu rennen.

Albtraumfänger, Kapitel 1