Teil I – Christian, allein in New York

Mittwoch, 23. Dezember, 2:23
Ich bin wieder allein. Neue Stadt, neue Zeitzone.
Als ich aus dem JFK-Airport in die kalte New Yorker Abendluft hinaustrete, treffe ich meine erste schlechte Entscheidung in New York. Ich steige in den schwarzen Mini-Van eines dunkelhäutigen Fahrers und zahle 90 Dollar, um die 26 Meilen vom Flughafen zu meinem Hostel zu fahren. Das ist der gleiche Preis, den ein Monatspass für die Metro gekostet hätte. Immerhin komme ich schnell, warm und sicher ans Ziel. Das Hostel liegt in Brooklyn, keine 30 U-Bahn-Minuten von meiner Arbeitsstelle beim ZDF in Manhattan entfernt. Ich kann den Pool, die Sporthalle und das Fitnessstudio kostenlos benutzen, habe allerdings keine Möglichkeit, ins Internet zu kommen, was meine Kommunikationsflexibilität deutlich einschränkt. Ich werde mich morgen nach Alternativen umsehen.
Nachdem ich mein einfaches, aber sauberes und wohnliches Zimmer eingerichtet habe, begebe ich mich auf einen ersten Rundgang durch Brooklyn. Es ist kalt. So kalt wie in Deutschland, vielleicht ein wenig kälter. Ich erkundige mich nach einem Ort, wo ich auch um Mitternacht noch eine warme Mahlzeit erhalten kann. (McDonalds hat bereits geschlossen.) Eine Frau in dickem Wintermantel und mit einem Ring im rechten Nasenflügel empfiehlt mir eine Mexikanische Bar, die nur drei Blocks entfernt ist. Als ich sie erreiche, stelle ich fest, dass sie tatsächlich geöffnet ist – und dass ich dort Tacos für einen Dollar und Teecate-Bier für drei Dollar bekommen kann. Ich bin der einzige Gast, esse fünf Tacos, trinke zwei Bier und unterhalte mich der Kellnerin. Ihr Haar ist kurz und dunkel, ihre Augen umrandet von dunklem Make-Up und ihre Arme tätowiert. Sie heißt Cat, sagt sie – und reicht mir die Hand. (Wie „Miau?“, frage ich, erwidere ihren Händedruck – und sie bejaht und lächelt.) Sie ist in Brooklyn geboren und kennt jemanden irgendwo in Deutschland, der Tätowierer ist. (Sie nennt den Namen der Stadt dreimal, aber ich verstehe ihn nicht ein einziges Mal.) Sie ist vielleicht die erste Frau mit kurzem Haar, die ich als wirklich hübsch bezeichnen würde.

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Nachdem ich meine fünf Tacos gegessen und meine zwei Bier getrunken habe, spendiert sie mir einen Tequila. Es sei der einzige alkoholische Drink, der aufputscht und nicht schläfrig macht, sagt sie. Und: „Welcome to New York!“
Ich will wissen, was man als erstes tun sollte, wenn man nach New York kommt. Sie lächelt erneut. „Come to this bar“, antwortet sie. „I did“, antworte ich.
Sie denkt einige Sekunden nach, dann sagt sie „Walk across the Brooklyn Bridge. It’s beautiful.“ Und ein paar Minuten später – nachdem sie mit einem feuchten Lappen die Theke abgewischt hat – fügt sie hinzu: „And go downtown and get lost.“ Zwei Pläne für morgen.
Dann betreten zwei Männer die Bar. Ein rothaariger Kerl, den Cat mit Namen kennt – und ein Typ, der vermutlich nur etwas älter ist als ich. Cat unterhält sich mit ihm und stellt uns einander vor. Er ist in Washington DC geboren und war in seinem Leben noch nie an der Westküste. Er will da auch nicht hin, sagt er. Er wünscht mir eine gute Zeit in New York und reicht mir die Hand.
Irgendjemand hat mir mal erzählt, dass New Yorker irgendwie kälter seien als Kalifornier. Bisher kann ich das nicht bestätigen. Bisher mag ich New Yorker. Bisher mag ich New York. Zumindest die fünf Blocks, die ich gesehen habe.

Donnerstag, 24. Dezember, 1:53 Uhr
Ich musste nicht bis Downtown New York fahren, um „lost“ zu sein. Ich habe es direkt nach zwanzig Minuten in Brooklyn geschafft. Eigentlich wollte ich einfach nur die Bücherei finden, um herauszufinden, ob ich dort kostenlosen Internetzugang habe. Doch ich laufe viel zu weit und finde mich schließlich in einem Park wieder, dessen schneebedeckte Wege im Licht der Sonne glänzen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich zur Bibliothek durchgefragt habe – doch schließlich finde ich sie doch und stelle fest, dass ich mich dort tatsächlich kostenlos und ohne Anmeldung ins Wlan-Netz einloggen kann. Ich entscheide, dies am morgigen Heiligabend zu tun – ohne auf das rote Schild zu achten, das darauf hinweist, dass die Bücherei über die Feiertage geschlossen bleibt.
Ich esse Gyros mit Curly Fries in einem kleinen Restaurant, kaufe mir eine Monatskarte für die U-Bahn und fahre zur Brooklyn Bridge. Ich komme gerade rechtzeitig an, um die Sonne über dem steinernen Kopf von Lady Liberty untergehen zu sehen. Ich verbringe eine knappe Stunde auf der zugigen Brücke, die Brooklyn und Manhattan miteinander verbindet. Meine Finger verlieren jegliches Gefühl bereits nach zehn Minuten – und dennoch schieße ich tapfer weitere hundert Fotos.

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Nachdem die Sonne vollständig hinter dem Horizont versunken ist und es noch einmal gefühlte fünf Grad (Celsius, nicht Fahrenheit!) kälter geworden ist, erreiche ich Manhattan. Ich nehme die Metro zur Grand Central Station, wo ich einen „Pretzel“ esse und mich aufwärme, währen um mich herum die Menschen rastlos hin und her zu hasten scheinen.
Als Fußgänger in New York muss man vor allem eines sein: rücksichtslos. Und weil so gut wie alle New Yorker anscheinend Fußgänger (und Subway-Fahrer) sind – was eine verdammt angenehme Abwechslung zum automobilfixierten Kalifornien darstellt – herrscht auf den Straßen definitiv Anarchie. Der Schwächere, Langsamere, weniger Zielstrebige wird einfach von einem Strom von Menschen mitgerissen oder aus dem Weg gedrängt. Mit anderen Worten: Wer Rücksicht nimmt, verliert. Auch rote Fußgängerampeln ignoriert der New Yorker kontinuierlich und mit einer ansteckenden Gelassenheit. Anders als in Kalifornien haben die Straßen hier in der Regel aber auch keine acht Spuren, sodass man die Verkehrregeln relativ gefahrlos mit Füßen treten kann.
Danach will ich zum Rockefellercenter und mir den Weihnachtsbaum und die Eisbahn anschauen. Doch aus U-Bahn-Netz-Simplizitätsgründen entscheide ich mich, zuerst zum Times Square zu fahren, wo ich die riesigen Bildschirme, Leuchtreklamen und rastlosen Menschenmassen bestaune und mir – auf gut deutsch gesagt – den Arsch abfriere, während ich in gut einem Dutzend Geschäften nach Handschuhen suche, aber keine bekomme. Ausverkauft!

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Ich wärme mich schließlich in einer Bar auf, indem ich ein kaltes Budweiser an einer zugigen Theke trinke. Ich komme mit einer jungen Frau aus Tennesse ins Gespräch, die Weihnachten allein in New York verbringt. Sie spricht mich auf meine Kamera an und wir reden eine gute halbe Stunde übers Fotografieren, Reisen, London, Deutschlands Autobahnen und Mardi Gras in New Orleans. Sie sagt, dass ich da auf jeden Fall hinsoll. (Anmerkung vom 28. Januar 2008: Mach ich auch!)
Dann verabschiedet sie sich, weil sie Karten für das Broadway Musical „Wicked“ hat – und ich setze meinen arktischen Spaziergang zum Rockefellercenter fort, wo ich sowohl die Eisbahn als auch den Weihnachtsbaum finde – und darüber hinaus die NBC Studios und eine riesige, goldene Prometheus Statue.

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Nach einer Stunde kehre ich zum Time Square zurück, esse bei McDonalds – zum ersten Mal, seit ich einen Fuß in diese wundervolle Fastfoodnation gesetzt habe, in der es so viele schmackhafte Alternativen zu diesem Etablissement gibt – nachdem ich glorreich mit dem zweiten Anlauf meiner Handschuhkaufaktion gescheitert bin.
Es ist mittlerweile zehn Uhr und ich entscheide, dass es an der Zeit ist, sich auf den Heimweg zu machen. Dieses Mal verlaufe ich mich nicht – sondern ich verfahre mich, sodass ich an einer Station ankomme, die deutlich weiter von meine Hostel entfernt ist als gewollt. Daher wärme ich mich in einer Bar auf, indem ich ein kaltes Brooklyn Lager an einem überhaupt nicht zugigen Tisch trinke.
Als ich gerade aufbrechen will, spricht mich die Kellnerin – Susan, eine junge Hispano-Amerikanerin mit braunem Haar und Zahnspange, von der ich irgendwie nicht glauben kann, dass sie alt genug ist, um in einer Bar zu arbeiten – auf meine Kamera an. Sie will, dass ich ihr all meine Fotos zeige – und das tue ich. Sie findet, dass ich bei meinen Bildern ziemlich stark aufs Licht achte – und ich finde, dass sie damit Recht hat. Wir sprechen über Las Vegas, weil 250 der 500 Bilder noch vom letzten Wochenende stammen und sie wirklich alle sehen will. Danach sprechen wir dann über New York – vermutlich weil der Rest von New York ist und weil wir in New York sind, logischerweise. Sie sagt, dass sie immer Mittwochs und Donnerstags arbeitet und dass ich mal wieder reinschauen soll.
Ich vermisse Kelli.

Freitag, 25. Dezember, 3:30
Während einer der Diakone Lobeshymnen auf alle bezahlten und ehrenamtlichen Mitarbeiter der St. John the Devine Cathedral singt, beobachte ich die drei Messdiener im Nebengang. Sie albern herum. Einer von ihnen wirft gerade imaginäre Steine in den Chorraum, der derzeit 2100 Menschen fasst. Zwei erwachsene Kuttenträger kommen hinzu und bedeuten ihnen mit aufgebrachten Gesten, dass sie sich endlich dem Anlass entsprechend benehmen sollen. Ich kann spüren, dass sich meine Lippen zu einem ungewollt schadenfrohen Grinsen verziehen, als die Ordnungshüter abziehen und der Steinewerfer sein unsinniges Spiel ungeniert fortsetzt.
Ich muss lächeln, weil mich der Knabe dort vorne im Nebengang des Altarraums irgendwie an den elfjährigen Christian erinnert. Ebenfall Messdiener, wenn auch in einer deutlich kleineren Kirche, in einer deutlich kleineren Stadt, und in einem deutlich kleineren Land -  aber vermutlich mit einer deutlich größeren Begabung dafür, sich in den absolut falschen Momenten vollkommen daneben benehmen zu müssen. Ich kann beinahe die Stimme unserer ehrenwerten Küsterin in meinem Kopf hören, die immer ihr Bestes gibt um mich, Daniel, Jakob, Frank, Moritz und all die anderen zu angemessenem Benehmen in der Sakristei zu erziehen. „Die Gewänder schön akkurat aufhängen“ ist nur eine – wenn auch die wohl kultverdächtigste – der Anweisungen, die in meinen Gedächtnis haften geblieben sind wie ein ausgelutschter Kaugummi unter einem der Tische im Physikraum.
Irgendwie ähneln sich die Menschen – und besonders die kleinen Jungs – dieser Welt doch alle ein wenig; egal ob in der kleinen katholischen Kirchengemeinde St. Liborius Wengern oder der drittgrößten Kirche der Welt – nach dem Petersdom und der Notre Dame in Paris. Und anscheinend braucht es mehr als immer wiederkehrende Anweisungen, strenge Blicke und – in diesem Falle – die Aufmerksamkeit von 1500 gläubigen episcopalen Christen und gut 600 fotografierwütigen Touristen, um das zu ändern. Und das ist auch gut so!

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Ich erreiche die Kathedrale um 10:31, eine Minute nach dem offiziellen Beginn der zweieinhalbstündigen Messe. Schuld daran ist zum einen meine unvergleichliche Gabe in falsche U-Bahnen zu steigen, diese an den falschen Stationen zu verlassen oder direkt die vollkommen falsche Station aufzusuchen. Und zum anderen Marc Fignar, den ich im Red Lion, einer Bar im Greenwich Village, kennenlerne.
Ich verbringe den Nachmittag und frühen Abend damit, auf den Spuren Bob Dylans und Jimi Hendrix’ zu wandeln, die beide in diesem Viertel groß geworden sind. (Und ich meine damit nicht physisch groß!) Zunächst versuche ich Hendrix’ Electric Lady Studios zu finden, was mir nach – für meine Verhältnisse – relativ kurzer Zeit auch gelingt. Dummerweise komme ich nicht über den einen Meter mal einen Meter großen Vorraum hinaus, in dem eine Kamera und ein Mikrofon hängen und anscheinend irgendetwas Großartiges von den Besuchern erwarten, was ich nicht zu bieten habe.
Danach versuche ich etwa eine halbe Stunde lang, mithilfe meiner Manhattan-Karte und meinem Stadtführer die „Höhepunkte“ des Greenwich Village zu finden. Ich gebe entnervt auf, entschließe mich, das Viertel auf eigene Faust nach zu erkunden – und ende nach fünf Minuten in einer Bar, in der es Miller Lite für einen Dollar gibt. Ich unterhalte mich mit dem Barkeeper, der aus Maine stammt (wo es immer eiskalt ist), als Kameramann arbeitet (womit man in New York nur unbezahlte Jobs bekommt – auch wenn man sich selbst nicht als Kameramann sondern mit einem deutlich schickeren Ausdruck bezeichnet, den ich mir nicht gemerkt habe), eine Weile in L.A. gewohnt hat (eine grauenhafte Stadt, wirklich grauenhaft) und sein gesamtes Weihnachtsfest in einer schlecht besuchten Bar arbeiten muss, anstatt nach Hause zu seiner Familie zu fahren. Ich will für ein Bier bleiben, aber es werden zwei daraus.

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Schließlich mache ich mich auf den Weg zur White Horse Taverne wo ich meinen Abend verbringen möchte, bevor ich in die Kirche gehe. (Ja, ich gehe in die Kirche, ohne Murren und vollkommen freiwillig!) Nachdem ich nach zwanzig Minuten Kältehärte- und Orientierungstest vor der Bar stehe, in der sich der Dichter Dylan Thoms zu Tode gesoffen haben soll, darf ich feststellen, dass ihr Besitzer sie soeben zuschließt. Merry Christmas!
Ich kehre in die Straße mit der 1-Dollar-Miller- und Kameramannbarkeeper-Bar zurück und esse Chicken Wings in einer Musikkneipe, wo ein Mann mit verdammt seltsamer Frisur (ich kann nicht beschreiben, was er mit seinen Haaren getan hat, aber ich bin froh, dass er zumindest den vorderen Teil davon unter einem Hut versteckt) verdammt gute Musik spielt. Angel von den Stones, Wish You Were Here von Pink Floyd und – nachdem ich mir den Dylan Song gewünscht habe, der ihm am besten gefällt – Blowing in the Wind.
Dann lerne ich Mark Fignar kennen, der mir ein italienisches Gebäckstück anbietet. Mark wohnt seit einigen Jahren in New York und ist mit seiner Frau gekommen, dessen Name mir entfallen ist (offen gestanden habe ich mir Marks Namen auch nur gemerkt, weil er mir seine Visitenkarte gegeben hat.) (Anmerkung vom 28. Januar 2010: Sie heißt Tara!)
Die beiden haben in Florenz geheiratet und machen so gut wie jedes Jahr Urlaub in Europa. Mark arbeitet als IT-Fachmann in einer Bank und hält Bob Dylan für den größten Musiker aller Zeiten. (Das eine gleicht das andere aus…)Er scheint so gut wie alles über ihn zu wissen, was es über ihn zu wissen gibt – auch wenn er I’m Not There noch nicht gesehen hat und ich ihm wärmsten ans Herz lege, dies zeitnah  zu nachzuholen.
Außerdem ist Mark Musiker, gemeinsam mit einer Freundin spielt er Songs von Dylan, den Beatles und anderen Künstlern und tritt damit in Bars auf. Ich werde aller Wahrscheinlichkeit Gelegenheit haben, ihn zu sehen! (Anmerkung vom 28. Januar: Ja, das werde ich. Und noch mehr als das!)
Mark schreibt für mich eine Liste mit Plätzen, die ich in New York besuchen soll – vor allem Bars, die etwas mit Musik zu tun haben – und ich verliere sie irgendwann zwischen meinem Weg zur Kirche und meiner Rückkehr ins Hostel. Als ich mich von Mark verabschiede, sage ich ihm, dass ich gespannt bin, wie ein Banker Rock and Roll Songs singt. Und das bin ich wirklich.
Wie gesagt erreiche ich die Kathedrale eine Minute nach dem Beginn der Messe. Um gute Plätze zu bekommen, hätte man bereits weit im voraus Tickets reservieren müssen. Glücklicherweise hat eine osteuropäische Familie (dessen Vater mich irgendwie an den Russen aus 2012 erinnert: „It’s Russian!“) dies getan. Ich hänge mich an sie dran und ergattere einen Platz in der fünften Reihe – fünf Reihen vor der Familie.
Große Teile der Messe sind relativ gewöhnlich – auch wenn ich die Akustik und Atmosphäre in dem gigantischen neugotischen Bau wirklich genieße. Doch als nach gut zwei Stunden plötzlich alle künstlichen Lichter ausgeschaltet werden und 2100 Menschen 2100 Kerzen entzünden, spüre ich eine Gänsehaut.
Auf dem Rückweg zum Hostel verfahre ich mich. (Wie könnte es auch andere sein?) Ich ärgere mich und trinke aus Frust Bier auf der Straße (von denen eines bereits zuvor ausgelaufen ist und eine riesige Sauerei in meinem Rucksack veranstaltet hat.) Kurz vor einer roten Ampel denke ich darüber nach, ob ich die letzten Schlücke auf Ex nehmen und die Dose im Mülleimer auf meiner Straßenseite versenken – oder ob ich bis zum Mülleimer auf der anderen Straßenseite warten soll. Ich entscheide mich für Alternative A – Ex und Hopp – und noch während die Dose im dunklen Schlund des Abfallentsorgungsbehälters verschwindet, passiert mich ein hübsches, weiß-blaues Auto mit Weihnachtsbeleuchtung auf dem Dach und einem unverkennbaren Schriftzug auf der Seitentür: NYPD – New York Police Department. Endlich mal eine richtige Entscheidung!

Samstag, 26. Dezember, 2:31 Uhr
Es ist ein schwacher, aber konstanter Schmerz der mich bei jedem meiner Schritte begleitet. Ich weiß nicht, wie viele Meilen ich bisher gelaufen bin (wir sind in den USA, ergo laufe ich jetzt Meilen) aber so wie es sich anfühlt müssen es hunderte gewesen sein.
Mein Tag beginnt damit, dass ich mich vor die geschlossene Public Library setze, um den Internetzugang zu benutzen. Ich telefoniere mit Kelli und versuche dabei, ein Kino zu finden, in dem Sherlock Holmes gezeigt wird. Weil ich später zwei ziemlich extravagante Kneipen im East Village besuchen will, suche ich eines heraus, das sich in diesem Stadtviertel befindet.
Mein Plan scheitert grundlegend und auf sowohl nasse wie auch erschöpfende Art und Weise. Als erstes verlaufe ich mich auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle. Ich bin genervt – aber die Piroggi und das Bier in einem ukrainischen Restaurant im East Village verbessern meine Laune ein wenig. Dann finde ich sogar das ausgewählte Kino auf Anhieb – doch an dieser Stelle soll mein kurzzeitiges Glück auch bereits ein jähes Ende finden. Acht verschiedene Filme laufen in dem Kino – aber Sherlock Holmes wird nicht gezeigt. Ich erkundige mich nach einem anderen Kino und man verweist mich auf eines an der 33rd Street. 20 Blocks entfernt. Die Straßen in New York sind schachbrettartig angelegt und zum Großteil systematisch benannt. Im Süden Manhattans beginnt es mit der 1st Street, die sich horizontal (von Osten nach Westen) durch die Stadt zieht – und im Osten mit der 1st Avenue, die vertikal (von Norden nach Süden) verläuft und somit ein Schachbrett bildet. (Wer das nicht versteht – wozu gibt es Google Maps?)
Dieses System hat nur leider einen winzigen Haken: Solange man nicht die Stelle kennt, an der sich die beiden Straßen kreuzen – oder zumindest eine Hausnummer hat UND diese auch geographisch verorten kann – ist man, auf gut deutsch gesagt, ganz gehörig in den Allerwertesten gekniffen. Die Angabe 33st Street bedeutet nämlich, dass sich das verfluchte Kino irgendwo zwischen East River und Hudson River befinden kann – einer Distanz von geschätzten zehn Kilometern, vermutlich sogar ein wenig mehr.
Eine verdammt optimistische innere Stimme (man könnte sie im Nachhinein auch vollkommen realitätsfremd und dämlich nennen) rät mir, es trotzdem zu Fuß zu versuchen. Ich hasse diese Stimme. Nachdem ich die 33rd Street (Ecke  3rd Avenue, um präzise zu bleiben) erreiche, stelle ich fest, dass es dort natürlich kein Kino gibt. Anstatt umzukehren, gehe ich weiter, in der wahnwitzigen Hoffnung, per Zufall auf eines zu stoßen. Dies geschieht natürlich nicht – und als ich gerade das Empire State Building passiere, fängt es auch noch an zu regnen. Wie könnte es anders sein?
An der 42nd Street stoße ich auf eine U-Bahnhaltestelle und fahre zum Times Square. Dort gibt es ein Kino, dass Sherlock Holmes zeigt – doch bevor man den zweistündigen Film zu sehen kriegt, muss man erst einmal vier Stunden für Karten anstehen – und wenn man dran ist, ist die Vorstellung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits ausverkauft.

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Ich erinnere mich an ein Kino im Greenwich Village, das ich gestern gesehen habe. Ich fahre dort hin, finde es – und stelle fest, dass dort keine aktuellen Filme gezeigt werden. Ich spiele mit dem Gedanken, mir Karten für Donnie Darko zu kaufen, erkundige mich dann aber nach einem anderen Kino,  und werde schließlich – nach einem weiteren 15-minütigen Fußweg – fündig. Ich kann Karten für die 23 Uhr Vorstellung ergattern und kehre ins Greenwich Village zurück, wo ich ein Bier im Cafe Wha? trinke – jener Bar, in der ein 19-jähriger Musiker, der gerade frisch nach New York gezogen ist, seinen ersten Auftritt hatte. Damals hieß er Robert Allen Zimmerman – aber die Welt sollte ihn bereits kurze Zeit später unter einem anderen Namen kennen lernen. Bob Dylan.
Ich gehe noch in zwei weitere Bars – in einer spielt eine Band Reggae Musik, in der anderen ein hässlicher Mann Akustikrock. Die Barkeeperin nennt mich „Darling“ – und ist sogar noch hässlicher als der Musiker.
Sherlock Holmes ist unterhaltsam, auch wenn sich Sir Arthur Conan Doyle sicherlich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, dass seine Romanfigur zu einem Comichelden gemacht worden ist; zu einer Mischung aus John McClain, James Bond und Mac Guyver. Auf dem Rückweg nehme ich zweimal die richtige U-Bahn und komme problemlos und ohne Gewaltmarsch am Hostel an. Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich aus meinen Fehlern gelernt habe – aber ich traue mich nicht.
In weniger als zwölf Stunden werde ich meine Familie wiedersehen. Ich bin aufgeregt – und freue mich riesig!
Denn das bedeutet, dass das Kapitel Christian, allein in New York fürs erste abgeschlossen sein wird. Und es endet mit genau diesen Worten.
Sag ich doch.

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