über den Journalismus

Massenmedien sind mächtiger als Maschinengewehre. Fernsehen und Internet sind die Massenvernichtungswaffen des 21. Jahrhunderts – und es gibt keine Distanz, die ihre Kugeln nicht überwinden könnten. Längst haben sich Medien – was immer man unter diesem Begriff auch verstehen mag – als vierte Macht im Staat etabliert. Längst sind sie sowohl Meinungs- wie auch Menschenmacher, der Stairway to Heaven oder das Tor zur Hölle für all jene, die sich auf ein Bad im Spotlight ihrer virtuellen Bühnen einlassen.

Die Welt ist kleiner geworden. So scheint es zumindest. Grenzen verschwimmen. Verschieben sich. Verschwinden. Zeit und Raum sind endgültig zu relativen Größen verkommen – auch, wenn sie es im Grunde schon immer gewesen sind.

Doch erst seitdem nur noch Sekunden vergehen, bis man in Westeuropa erfährt, dass der verdammte Sack Reis in China tatsächlich umgefallen ist, sind wir uns darüber restlos bewusst geworden. Erst seitdem die Welt endgültig einem globalem Dorf gleicht und man in einem Friseursalon in Alberquerque über die Farbe der Badezimmerfliesen eines kirgisischen Waschmaschinenvertreters tratschen könnte, scheint uns auch das letzte bisschen regionale Privatsphäre abhanden gekommen zu sein.

Wir können heute in der Zeitgeschichte lesen wie in einem offenen Buch. Einem Buch, in das jeder – und zwar wirklich jeder – genau das hinein kritzeln kann, wonach im gerade der Schnabel gewachsen ist. Und an genau dieser Stelle stoßen wir – beinahe zwangsläufig – auf einen einstmals schillernden Begriff, der heute kaum mehr als ein Schatten seiner selbst zu sein scheint. Eine substanzlose Worthülse, ein linguistisches Relikt, das seine wahre Bedeutung irgendwo zwischen Boulevardmagazinen und Revolverjournalismus verloren hat und vielerorts hinter Schlagzeilen, Metaphern und Hochglanzfotos ein Alibidasein fristet.

Dass die viel beschworene Wahrheit heute mehr denn je zu einer Farce verkommt mag daran liegen, dass sie in Wahrheit gar nicht existiert – und es auch niemals getan hat. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Intersubjektivität (also der Wahrheitskonsens der Masse) und Objektivität nun einmal keine Synonyme sind. Und, was vielleicht das wichtigste ist: Dass Wahrheit immer das ist, was das Gros der Menschen glaubt – also im Zweifel genau das, was irgendwer mit der lautesten publizistischen Stimme in die Öffentlichkeit hinausbrüllt.

Doch selbst der hochwertigste Journalismus wird niemals die ganze Wahrheit sagen. Denn dazu ist Wahrheit einfach ein viel zu hochtrabender, mit viel zu vielen Werten beladener und zu vielen Emotionen aufgeladener Terminus. Dennoch hat Journalismus zumindest den Anspruch zu haben, dem zu suchen, was der Wahrheit am nächsten kommt. Denn ansonsten ist es eben kein Journalismus. Ansonsten ist es Propaganda, PR oder Fiktion.

Meine journalistische „Karriere“ beginnt Ende November 2005 bei der Lokalredaktion der Westfalenpost (WP) in Herdecke und Wetter. Und zwar nicht vorrangig aus hohen, journalistischen Motiven – oder weil ich gar nach Wahrheit gesucht hätte – sondern aus dem wohl menschlichsten aller Gründe: Weil ich einen Job brauche.

Natürlich hätte ich auch Briefe austragen, Getränkekisten stapeln oder Burger braten können. Aber erstens habe ich darauf einfach keinen Bock – und zweitens hatte ich schon früh festgestellt, dass es im Grunde nur eine einzige Sache gibt, die ich wirklich beherrsche: das Schreiben.

Also fasse ich mir eines Tages ein Herz und suchte die Lokalredaktion der WP auf, um mich dort als freier Mitarbeiter zu bewerben. Ich habe eine Mappe mit Artikeln unter dem Arm, die ich während eines zweiwöchigen „Berufsorientierungspraktikums“ bei einem Wittener Anzeigenblatt verfasst hatte. Es sind keine wirklichen Referenzen. Aber es sind – zumindest dachte ich das damals – Beweise dafür, dass ich verstehe, worauf es beim Lokaljournalismus ankommt.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl in der Magengegend und der Gewissheit, ohnehin eine Absage zu erhalten, klopfe ich also an die weiße Holztür im zweiten Stock des wetterschen Sparkassengebäudes, hinter der sich damals die Lokalredaktion der WP verbarg. (Und dies nach all den unsinnigen Umstrukturierungs- und Defibrillationsmaßnahmen der WAZ-Mediengruppe heute vielleicht auch wieder tut – aber das ist eine andere Geschichte.)

Eine fröhliche Stimme beantwortet mein Signal – und man bittet mich tatsächlich herein. Mein „Vorstellungsgespräch“ dauert insgesamt vierzweidrittel Minuten. „Hallo, ich möchte mich bei Ihnen als freier Mitarbeiter bewerben. Ich habe bereits ein Praktikum bei ‘Witten aktuell‘ gemacht. Ich habe ein paar Artikel mitgebracht, die ich dort geschrieben habe. Sie können sie anschauen, wenn…“

„Nicht notwendig“, antwortet der kleine, grauhaarige Mann, der auf einem dunkelgrauen Drehstuhl mitten in dem kleinen Büro sitzt. „Haben wir gerade etwas zu tun für den jungen Mann?“ Er schaut seine beiden Kolleginnen an – beide blond, die eine vielleicht ein paar Jahre jünger als meine Mutter, die andere deutlich jünger. Sie sitzen sich gegenüber – an zwei langen Schreibtischen, auf denen Computertastaturen und Bildschirme stehen – und grinsen mich an.

„Mach doch einfach mal einen Kneipentest für die Junge WP“, schlägt die eine der beiden vor. Sie hat mittellanges, blondes Haar und trägt eine schmale Brille. „Und hast du eine Digitalkamera?“, fragt ihre Kollegin, deren Haar ein wenig länger ist, aber mehr oder weniger die gleiche Farbe hat.

„Ich kann sicher die von meinen Vater benutzen“, antworte ich. Meine Stimme zittert dabei ein wenig – zumindest fühlte es sich damals so an.

„Sehr gut“, antwortet die Journalistin. „Dann mach auch direkt ein paar Bilder.“

„Ich habe hier ein paar Leseproben mitgebracht“, versuche ich es erneut.

„Schreib einfach“, unterbricht mich der Mann. Er ist der Redaktionsleiter. „Und schick uns die Texte und Bilder einfach per E-Mail zu. Hier hast du meine Karte.“ Er reicht sie mir und ich greife danach.

„Nimm meine auch noch“, sagt die eine Frau. „Und meine kannst du auch noch haben“,  ergänzt ihre Kollegin und alle drei grinsten mich an. Als ich die Redaktion an diesem regnerischen Tag Ende November 2005 wieder verlasse, bin ich also im Besitz von drei nicht mehr ganz druckfrischen Visitenkarten – und eines Nebenjobs als freier Mitarbeiter bei einer echten Tageszeitung.

Bis zum Frühjahr 2009, als die Redaktion der Westfalenpost in Herdecke und Wetter aufgrund von Sparmotiven des WAZ-Verlags geschlossen wird, habe ich rund 350 Artikel verfasst, von denen ich die allermeisten auch mit meinen eigenen Fotos bestücken durfte. Ich schreibe Berichte, Reportagen, Kommentare, Buch- oder Filmkritiken, führe Interviews und mache Umfragen. Gut ein Drittel aller Artikel gehen auf meine eigenen Vorschläge zurück – und soweit ich mich erinnere, wird davon kaum einer jemals abgelehnt.

Meine Zeit bei der WP ist vermutlich die beste, die man sich als unerfahrener Nachwuchsjournalist wünschen kann. Besonders dann, wenn ich für die einmal wöchentlich erscheinende Junge WP schreibe, kann ich mit Stil und Sprache herumexperimentieren, auf stürmische oder besinnliche Weise nach meinem journalistischen Selbst suchen – und es in der darauffolgenden Woche wieder komplett über den Haufen schmeißen.

Trotz dieser vielen Freiheiten – oder gerade wegen ihnen – habe ich während der dreieinhalb Jahre bei der WP wohl das meiste von dem gelernt, was ich heute über den Printjournalismus weiß. Das beginnt bei simplen Weisheiten wie: „Das einzige, was es im Rahmen gibt, sind Bilder“ und reicht bis zu Fragen, die einem weder ein Studium noch ein Lehrbuch vermitteln kann: Wie gehe ich auf Menschen zu und wie mit ihnen um? Wie komponiere ich ein Bild – selbst dann, wenn sich eigentlich keiner meiner Protagonisten fotografieren lassen will? Und wie schaffe ich es, auch aus der  Jahreshauptversammlung des örtlichen Taubenzüchtervereines die berichtenswerte Essenz herauszuschälen – und das ganze dann auch noch so zu verpacken, dass zumindest die Hälfte der Leser über die ersten beiden Worte der Überschrift hinauskommt?

Als ich bei der WP anfange, bin ich in der zwölften Klasse. Rund anderthalb Jahre später mache ich das Abitur – und muss plötzlich entscheiden, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen will.

Ich entscheide, dass ich Geschichten erzählen will. Die vielen kleinen und großen Geschichten in den vielen kleinen und großen Orten dieser Welt, die es sich zu erzählen lohnt. Mit dem Stift, dem Fotoapparat, dem Mikrophon oder der Fernsehkamera. Geschichten, die sich jeden Tag ereignen können. Und die doch einzigartig sind. Genau wie die Menschen, die sie erleben. Menschen, die viel mehr sind als nur eine Ansammlung statistisch ermittelbarer Eigenschaften, viel mehr als eine Ansammlung von Daten und Fakten, aus Nummern und Zahlen.

Im Sommer 2006 beginne ich ein Studium der Medienwissenschaft und Geschichte an der Ruhr-Universität in Bochum. Ersteres, um ein gefestigtes, theoretisches Verständnis von dem zu erhalten, was ich schon seit der zwölften Klasse vollkommen intuitiv tue. Und letzteres, weil mich historische Themen schon mein Leben lang interessiert haben.

Anfang 2008 werde ich dann Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), bei der ich eine studienbegleitende journalistische Ausbildung erhalte. Eine weitere Kelle Zement, die das Fundament meines Berufswunsch festigt.

Und es ist ein Satz, den einer meiner JONA-Referenten am ersten Abend meines ersten Seminars sagte, der mir zeigen soll, dass ich hier richtig bin: „Setzen Sie ihre Ziele so hoch wie möglich“, sagt er. „Nach unten korrigieren können Sie sie immer noch.“

Nachdem ich meine Tätigkeit für die WP ausgedehnt und zwischenzeitlich sogar das NRW-Ressort der Welt am Sonntag geschrieben habe, merke ich, dass es an der Zeit ist, ein neues Medium zu entdecken. Ein Medium, das mich vor neue Herausforderungen stellt – und mir ganz neue Möglichkeiten des Geschichtenerzählens eröffnet: das Fernsehen.

Ich bewerbe mich also um ein zweimonatiges Praktikum beim Westdeutschen Rundfunk in Dortmund – und werde genommen. Plötzlich gibt es nicht nur mich, meinen Stift und vielleicht meine Fotokamera. Stattdessen sind da ein Kameramann, ein Tonassistent, ein Cutter – und die Notwendigkeit, Geschichten nicht mit schwarzen Lettern auf weißem Papier, sondern mit gesprochenen Worten und bewegten Bildern zu erzählen.

Schon während der ersten Woche  wird der große Respekt vor dem unbekannten Medium von einer unbändigen Faszination abgelöst. Nach Beendigung meines Praktikums erhalte ich das Angebot, als Freier Autor weiter für die Lokalzeit aus Dortmund zu arbeiten. Durch die Arbeit beim WDR habe ich also gleich zwei Dinge gefunden: einen neuen Arbeitgeber und meine Leidenschaft für das audiovisuelle Geschichtenerzählen.

Ein halbe Jahr später absolviere ich ein Praktikum beim ZDF. Allerdings nicht in Mainz, sondern – im Anschluss an mein Auslandsstudium in California – in New York City, wo ich drei Wochen lang die Alleinverantwortung über das Studio trage, während Klaus-Peter Siegloch samt Team über die Olympischen Spiele in Vancouver berichten. In Zusammenarbeit mit heute.de entstehen neben klassischen Fernsehfilmen auch einige Bildergalerien, für die ich als Fotograph den Big Apple entdecke.

Die Arbeit fürs ZDF in New York weckt mein journalistisches Fernweh: Im Sommer 2010 berichte ich für ein Projekt von JONA und Deutscher Welle über die Fußball-WM in Südafrika. Ich erzähle die Geschichten abseits des Sportgroßereignisses – erstmals wirklich multimedial in Form von Audioslideshows, in denen ich Photographien und Audioaufnahmen miteinander verbinde. Während meines Auslandssemester in Chile arbeite ich für eine englischsprachige Website, die über die Region berichtet. Ich führe Interviews auf Englisch und Spanisch, die ich mit dem iPhone filme, mit Photos kombiniere und als Multimedia-Beiträge veröffentliche. Ein halbes Jahr später kehre ich nach New York zurück und arbeite für eine unabhängige Presseagentur in der UNO. Ich berichte über die Generalversammlung, die Anfänge der Occupy-Bewegung und drehe eine längere Multimedia-Reportage über die Bronx, einen der ärmsten Stadtteile Amerikas. Im Januar 2012 nehme ich dann an einer Internationalen Begegnung in Auschwitz teil. Ich führe Interviews mit drei Holocaust-Überlebenden, die ich mit Photographien aus den beiden Lagern Auschwitz und Auschwitz-Birkenau illustriere.

Im August 2012 beginne ich ein Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk und finde hier nach meiner dreijährigen journalistischen Weltreise so etwas wie eine journalistische Heimat. Eine starke und mächtige Heimat mit einer großen Verantwortung. Denn in einer Welt, die ihre Informationen mit der Geschwindigkeit von Gewehrkugeln verschießt, braucht es Menschen, die darauf achten, in welche Richtung sie fliegen. Es braucht Menschen, die die Größe und Schlagkraft der Kugeln kontrollieren. Und es braucht Menschen, die sich ihnen in den Weg werfen, falls sie auf Unschuldige abgefeuert werden.

Diese Menschen sind es, die ich als Journalisten bezeichne.

Ein Gedanke zu “über den Journalismus

  1. Falls Sie es sind, der im TV “Wer’s glaubt” gefragt hat, welche Religion das schönste Jenseits verspricht, möchte ich mich gern mit Ihnen unterhalten.
    I.G., Heipraktikerin i.R., Opernsängerin i.R.
    Herzlichen Gruß

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