Teil I – California-Orientation-Week

Mo, 16. August 2009, erster Abend in Long Beach
Nachdem ich im Supermarkt eine Gallone Wasser, eine Gallone Milch und ein großes Paket Cornflakes gekauft habe, entschließe ich mich zu einem kleinen Spaziergang. Ich will zur California State University und mir die große Pyramide anschauen, in der die Basketball- und Volleyballteams der CalState zuhause sind.
Aber irgendwo muss ich mich wohl verfranzt haben, denn auch nach einem halbstündigen Fußmarsch habe ich die Uni noch immer nicht gefunden. Stattdessen laufe ich durch eine Vorstadtsiedlung, die direkt einem Hollywoodfilm entsprungen zu sein scheint. Kleine Häuser mit gepflegten Vorgärten säumen die von Bäumen eingerahmte Straße. Auf jeder der steinernen Einfahrten steht mindestens ein Auto – viele davon Jeeps oder Pick-Ups, kaum Kleinwagen. Basketballkörbe ragen aus dem Asphalt, der Rasen ist kurzgeschnitten. An vielen Türen hängt eine Amerika-Flagge. Die typischen amerikanischen Suburbs. Es gibt sie wirklich.

Di, 17. August 2007, 6:01 Ortszeit
Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so früh wach gewesen bin. Das liegt einerseits vermutlich daran, dass ich auch jetzt schon zehn Stunden Schlaf hinter mir habe. Andererseits mache ich mir aber auch Sorgen wegen meines verdammten Laptops, der derzeit ein recht seltsames Verhalten an den Tag legt. Ich vermute, dass es entweder mit dem Transport oder mit der amerikanischen Stromspannung zusammenhängt. Jetzt gerade funktioniert er allerdings einwandfrei, weshalb ich den geplanten Besuch im Computerladen bis auf weiteres vertagt habe. Heute werde ich versuchen, mir eine vernünftige Straßenkarte von Long Beach zu besorgen. Außerdem will ich den Wal-Mart finden und mir ein amerikanisches Pre-Paid-Handy beschaffen, um mich endlich um die Internet-Verbindung kümmern zu können. In Zeiten der globalen Kommunikation fühlt man sich sonst einfach nicht wohl. Irgendwie einsam.
Und dann will ich endlich den Ozean sehen.

Di, 17. August, 20:52
„Enjoy Long Beach.” Drei Mal kriege ich diesen Satz heute zu hören. Als erste sagt ihn Tammy, die Managerin des Apartments. Sie ist eine hübsche blonde Frau Anfang 40 und ich habe sie jetzt schon ins Herz geschlossen.
Sie hilft mir bei allem möglichem Kram, und hat mir sogar eine City-Map von Long Beach verschafft, die ich aus einem Telefonbuch gerissen habe. Danach hat sie im Target-Supermarkt angerufen, um zu fragen, ob ich dort Prepaid-Karten kaufen kann. Ich bin jetzt stolzer Besitzer eines Nokia-Prepaid-Handys für 20 $. (Anmerkung vom 1. September: Es ist echt scheiße! Außerdem muss man auch für empfangene Anrufe und empfangene SMS zahlen, was noch beschissener ist.)
Beim Bezahlen brauche ich ewig, weil ich einen Dime nicht von einem Nickel unterscheiden kann. Ich entschuldige es damit, dass ich Deutscher bin – und werde von der Frau hinter mir zu einem schrecklich süßen Crushed-Eis-Drink von Pizza-Hut eingeladen. Ihr Mann hat drei Jahre in Nürnberg gelebt. Ich unterhalte mich mit ihm, aber seine Frau hat es eilig. „Enjoy Long Beach“, sagen sie zum Abschied.
Nachdem ich nach Hause komme, stelle ich fest, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das Handy zum Laufen bekommen soll. Eine halbe Stunde lang telefoniere ich deshalb mit einem T-Mobile-Service-Mitarbeiter in Texas, um es freizuschalten. Er hat einen starken mexikanischen Akzent, vielleicht sind wir also so etwas wie Leidensgenossen im Dschungel der amerikanischen Sprache.
Danach mache ich mich endlich auf dem Weg zum Strand. Tammy hatte gesagt, es wären zu Fuß knapp zwanzig Minuten. Als ich nach gefühlten zwei Stunden ankomme, schiebe ich die Fehleinschätzung darauf, dass sie den Weg vermutlich noch niemals zu Fuß gegangen ist. Doch für diesen Strand wäre ich auch zwei Stunden gelaufen – und vielleicht noch länger.
Wenn ich morgen in L.A. auch noch auf einen Engel treffe, dann glaube ich vielleicht doch noch, dass Nomen tatsächlich Omen est.
Während meine Füße zum ersten Mal den Pazifischen Ozean spüren dürfen, höre ich Californication von den Chili Peppers. Es ist reiner Zufall.
Ein Anwalt aus Long Beach, mit dem ich gemeinsam im Shuttle-Van vom Flughafen gekommen bin, hatte mich vor dem Wasser des Pazifik gewarnt. „Californian water is cold water“, hatte er gesagt. Aber als ich mich endlich – unter den wachsamen Augen des Baywatchers mit der länglichen roten Boje – in die Fluten stürze, merke ich davon nichts. Gegen den spanischen Atlantik im September ist der kalifornische Pazifik im August die reinste Badewanne.
Das letzte Mal höre ich „Enjoy Long Beach“ auf dem „Veterans Pier“. Ich sitze auf einer Steinbank und lese. „Hi“, ruft plötzlich eine helle Stimme. Ich drehe mich um. Ein blondes Mädchen schaut mich aus einiger Entfernung an. „Hi“, erwidere ich. „How are you?“.
„Great“, antwortet sie, dreht sich um geht mit ihrer Freundin in die entgegengesetzte Richtung davon.
Leicht amüsiert schaue ich ihr nach. Als sie den Pier beinahe verlassen hat, macht sie plötzlich kehrt und kommt wieder auf mich zu.
„I just wanted to talk to you“, sagt sie, hält mir die Hand hin und murmelt ihren Namen. Ich vergesse ihn noch im selben Moment wieder – so wie immer, wenn sich mir irgendjemand vorstellt. Wichtige Mitteilung an mich selbst: Namensgedächtnis trainieren.
Sie wirkt nervös und sagt erst einmal gar nichts, nachdem ich mich vorgestellt und ihr die Hand gegeben habe. Also erzähle ich irgendetwas und erfahre, dass die Mutter ihrer Freundin an der CSULB Journalism unterrichtet und sie das ebenfalls studieren will, wenn sie mit der Schule fertig ist. Sie ist 15 – und nach drei Minuten Smalltalk auch wieder verschwunden.
„We think that you are very cute, sagt sie zum Abschied. “Enjoy Long Beach.”

IMG_4527

Di, 17. August, 23:05
Wichtige Mitteilung an mich selbst: Unbedingt herausfinden, worin der genaue Unterschied zwischen Light-Beer und normalem Bier liegt!

Mi, 18. August, 21:31
Der Tag beginnt damit, dass ich versuche, einen Internet- und einen TV-Anschluss für unser Apartment zu organisieren. Es dauert drei Stunden – und abgeschlossen ist die Sache immer noch nicht. Ich hoffe darauf, noch vor dem Wochenende Besuch von einem Verizon-Techniker zu bekommen, der mir dann die notwendigen Geräte anschließt und einrichtet.
Gegen Mittag fahre ich dann endlich nach L.A. – auch, wenn ich beinahe kapituliert hätte und in Long Beach geblieben wäre. Anstatt drei Meilen den Pacific Coast Highway entlangzulaufen, nehme ich den Bus. Danach steige ich in die Metro und fahre direkt nach Hollywood.
Während der rund 40-minütigen Fahrt wird mir eine Sache sehr schnell klar: Im Land der Autofahrer werden die öffentlichen Verkehrsmittel eindeutig denjenigen überlassen, die weniger haben als andere.
Und das sind zweifelsohne die ethnischen Minderheiten – auch, wenn man dabei in California schon fast von Mehrheiten sprechen muss. De facto heißt das: Auf der gesamten Fahrt von Long Beach nach L.A. begegnen mir gerade einmal fünf oder sechs weiße Fahrgäste. Alle anderen sind entweder Afro-Amerikaner, Latinos oder Asiaten.
Ich laufe von der Ecke Hollywood-Boulevard und Highland den Walk of Fame herauf und auf der anderen Seite wieder herunter. Ich esse Chicken bei Popeyes – und ärgere mich darüber, dass der Laden nicht klimatisiert ist. Danach kaufe ich mir eine Dr. Pepper in einem Drugstore und ärgere mich darüber, dass sie mehr als zwei Dollar kostet.
Ich komme an zwei ziemlich abgerissenen Jugendliche vorbei, die an einer Straßenecke stehen und ein Schild hochhalten, auf dem „Need $$$ for Weed“ steht. Das Argument überzeugt mich und ich schenke ihnen einen Dollar – damit haben sie jetzt drei und immer noch nichts zu rauchen. Ich mache ein Foto von den beiden und gehe weiter.
Irgendwann entschließe ich mich, zum Griffith Park zu laufen und vom Observatorium aus den weißen Hollywood-Schriftzug in den Hills zu fotografieren. Doch ich verfranze mich – schon wieder – und lande schließlich am Hollywood Bowl, wo versnobte Rentner auf Bänken sitzen und Wein für vier Dollar pro Glas trinken. Also kehre ich um und kaufe mir am nächsten Liquor Store ein kaltes Miller. Es kostet drei Dollar – und die Info, dass Light Bier zwar weniger Kalorien aber nicht weniger Alkohol als normales Bier hat, gibt es gratis dazu. (Anmerkung vom 1. September: Das ist erstunken und erlogen!)
Ich frage einen irischen Penner nach dem Weg zum Griffith-Park. Er schnorrt mich nach einem Dollar an – aber weil er kein Weed damit kaufen will, gebe ich ihm nichts.
Mit dem Bier in einer braunen Plastiktüte mache ich mich also wieder auf den Weg – muss aber schon bald zweierlei einsehen: Erstens ist der Weg einfach zu weit, zumal bald die Sonne untergeht und der Park sicher bald schließt. Und zweitens macht einen eine Getränkedose in einer braunen Papiertüte anscheinend selbst im liberalen California zu so etwas wie einem Aussätzigen.

Di, 18. August, 23:23
Wichtige Mitteilung an mich selbst: Auch, wenn Coors Light nur 102 Kalorien pro 12 FL.OZ. (355 ml) hat, solltest du aufhören, jeden Abend Bier zu trinken!

Do, 20. August, 2:09
Die Erkenntnisse des heutigen Tages lauten: Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind nicht alle Möglichkeiten unbegrenzt, nicht alle Cops sind Arschlöcher und unverhofft kommt oft.
Am Vormittag versuche ich, den Internet-, Gas- und Elektrizitätsanschluss für unser Apartment zu organisieren. Weil ich kein amerikanischer Staatsbürger bin, gestaltet sich das Ganze jedoch schwieriger als gedacht. Deshalb fahre ich nach Downtown Long Beach, um in der City Hall  meinen Ausweis vorzuzeigen. Ich unterhalte mich mit dem zuständigen Beamten, der mir neben der Rechnung über 70 $ auch noch einen kleinen Zettel mitgibt, auf den er Ziele geschrieben hat, die ich unbedingt ansteuern soll: Seal Beach, Orange County und Belmont Shore. Ich sage ihm, dass ich kein Auto habe – und er antwortet, dass ich sicher Leute kennen lernen werde, die mich mitnehmen.
Nach der Pflicht gehe ich zur Kür über und laufe durch Downtown Long Beach. Ich schlendere durch den Hafen und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass es die Bubba Gump Shrimp Company tatsächlich auch außerhalb von Forrest Gump gibt. Auf dem Rückweg trinke ich ein Guinness in einem Irish Pub, lerne Joe kennen und merke mir sogar seinen Namen. Joe ist ein Cop aus Florida, der gemeinsam mit weiteren 5000 seiner Art eine Convention in Long Beach besucht. Wir unterhalten uns eine gute halbe Stunde lang und aus dem einen Guinness werden zwei. Joe erzählt mir, dass er in New York aufgewachsen ist, genauer gesagt in Harlem. Irgendwann versucht er, mich mit einer verdammt hübschen Kellnerin zu verkuppeln, die mir erzählt, dass sie fünf Jahre an der CSULB studiert hat und in einem Apartmet wohnt, dass nur wenige Schritte von meinem entfernt ist.
Ich verlasse den Pub kurz nach Joe und fahre mit dem Bus zurück. Ich steige in der Nähe des Campus aus und laufe ziellos umher. Es kommt mir vor wie in einem Traum. Meinem Traum von Amerika. Der Campus gleicht eher einer Parkanlage als einer Universität und alles erinnert irgendwie an College-Filme.
Schließlich komme ich an der blauen Pyramide vorbei und denke darüber nach, wie wahrscheinlich es ist, darin einmal selbst Basketball spielen zu dürfen. Bestimmt wahrscheinlicher, als von einem Kometen erschlagen zu werden.
Nachdem ich an einem mexikanischen Imbiss einen Tacco gegessen habe, komme ich nach Hause. Ich setze mich auf die Couch und schalte meinen Laptop ein, um einen Film anzuschauen. Doch noch bevor ich auch nur über eine mögliche Auswahl nachdenken kann, klopft es an der Tür. Als ich sie öffne, stehen drei Mädchen vor mir, dir mir erklären, dass sie meine Nachbarinnen seien und mich zum Trinken einladen wollen.
Ich willige ein, ziehe mir ein T-Shirt über und gehe zu ihnen herüber. Wir spielen ein kurioses Trinkspiel mit Karten – (Anmerkung vom 1. September: Es heißt Kings Cup!) – das schon bald dazu führt, dass die meisten meiner Nachbarn vollkommen betrunken sind und kichernd und kreischend auf dem Boden liegen. Es ist jetzt zehn Uhr.
Wir reden über Filme, Cops und Europa. Dann laden mich meine Nachbarinnen dazu ein, morgen mit ihnen zum Strand zu kommen. Sie wollen gegen Mittag an meine Tür klopfen.

IMG_6127

Do 20. August, 19:03
Ich wache heute drei Stunden später auf als sonst. Es ist halb zehn. Wie versprochen holen mich meine Nachbarinnen ab. Wir fahren zum Sunset Beach – und er ist noch schöner als der Strand, an dem ich am Montag war. Ich unterhalte mich mit Sarah, die zusammen mit Kelly in einem zweigeschossigen Apartment wohnt. Sie ist ein Communication-Major und ein Journalism-Minor und ich erfahre später, dass sie jeden Sonntag in die Kirche geht. Sie ist hübsch, nett und intelligent. Als der Wind am Strand zu kalt wird, fahren wir zum Apartment zurück. Von hier aus gehen wir zum Pool einer benachbarten Apartmentanlagen, grillen Hot-Dogs und reden. Kellis Freund, dessen Namen ich noch immer nicht weiß, erzählt die Story seines Kurzfilms – es geht um einen schizophrenen Jungen, der Menschen tötet. Ich kann ihn wirklich gut leiden und es tut mir leid, dass Kelly ihm den Laufpass geben wird. Aber nur ein wenig.
Am Abend gehe ich allein zum Basketballcourt der katholischen Grundschule und werfe ein paar Körbe.

IMG_4477

Fr, 21. August, 0:31
Erneut wird mein geplantes Filmgucken von einer weitaus spannenderen Unternehmung abgelöst. Lauren und Alyssa (meine beiden Nachbarinnen, von denen ich jetzt endlich auch die Namen kenne) und Sarah nehmen mich mit zu Daniel und Jeff, die in einem Apartment in der Nähe des Strands wohnt. Daniel und Jeff sind schwul – und das sieht man ihnen auch an. Außer uns sind noch mindestens zehn andere Leute da.
Wir spielen ein Gesellschaftsspiel und sehen uns dann die Show Runway an – eine Art Germanys Next Topmodel für Mode-Designer, die zu allem Überfluss auch noch von Heidi Klum moderiert wird. Es ist die schrecklichste Ansammlung bekloppter Freaks, die ich je auf einem Fernsehbildschirm gesehen habe.
Kurz bevor wir aufbrechen, lerne ich Garritt kennen. Er hat zwei Jahre in Stuttgart studiert und lädt mich zu sich nach Seal Beach ein, wo er mir Surfen beibringen will.

Sa, 22. August, 0:09
Ich kenne jetzt zwei von drei meiner Mitbewohner. Stan (25) und Alex (26) sind wirklich super. Als ich aus L.A. zurückkomme, wo ich den heutigen Tag verbracht habe, begrüßen sie mich mit Captain Morgan und selbstgekochten Spaghetti. Wir unterhalten uns vier Stunden lang – wobei ich das Gefühl habe, dass ich am meisten reden; vermutlich, weil ich mich seit Sonntag mit niemanden mehr auf deutsch unterhalten habe. Während ich von meinen Erlebnissen berichte, stelle ich fest, wie viel ich in fünf Tagen eigentlich schon erlebt habe und wie viele interessante Leute ich kennengelernt habe.
Am heutigen Tag kommt einer mehr hinzu: Bradley Riot, der mich auf dem Weg vom Sunset Strip zurück zur Ecke Hollywood Vine auf mein Rock-am-Ring-Bändchen anspricht. Er ist Musiker und in diesem Sommer mehrere Wochen durch Deutschland getourt, wo auch seine Freundin wohnt. Sobald ich Internet habe, werde ich mir seine Musik bei Myspace anhören – es lebe die digitale Realität!
Außerdem habe ich heute herausgefunden, warum die meisten Amerikaner überallhin mit dem Auto fahren: Weil die öffentlichen Verkehrsmittel eine einzige, riesige Freakshow sind!
Auf dem Weg nach L.A. frage ich den Busfahrer, ob er nach Downtown Long Beach fährt. Er antwortet, ob ich das Schild nicht lesen könne und ob ich überhaupt wisse, was ein Bus ist. Ich fasse das als „Ja“ auf – und stelle nach der dritten Haltestelle fest, dass es ein „Nein“ gewesen ist. Dennoch bringt mich der Bus zu einer Metro-Station – und zwar auf noch kürzerem Weg, als eigentlich geplant.
Während ich auf die Bahn warte, merke ich, dass mir eine Frau mit lateinamerikanischem Einschlag seltsame Blicke und Gesten zuwirft. Ich ignoriere sie zunächst, aber es hilft nichts. Irgendwann verstehe ich, was sie mir sagen will: „Hör auf zu essen.“ Ich werfe den halbaufgegessen Pfirsich in den Müll und grinse die beiden Polizisten an, die mir gegenüber Tickets kontrollieren. Essen und Trinken ist auf amerikanischen Bahnsteigen streng verboten. „Meine Schwester hat für Wassertrinken ein Ticket bekommen“, erklärt mir die Frau in brüchigem Englisch.
Aber kommen wir jetzt mal zur Freakshow: Als ich mich im Bus in L.A. mit Bradley unterhalte, beginnt neben uns ein Mann laut herumzubrüllen. Er redet von Pinguinschwänzen und davon, dass er verloren sei und Hilfe brauche. Dann erzählt er einem Mädchen, dass sie so schön sei wie ein Model und als er aufschnappt, dass Bradley und ich uns über New York unterhalten, schwallert er auch mich mit einem Strudel unsinniger Phrasen voll.
Doch wenn ich geglaubt habe, dass das der finale Akt des Absurditätentheaters gewesen ist, dann habe ich mich getäuscht. Auf dem Weg zurück nach Long Beach erlebe ich nämlich wirklich die geballte Ladung Beklopptheit – und zwar gleich von zwei Seiten: Am einen Ende des Metro-Wagons schreit eine verwirrte schwarze Frau ihren imaginären Mann an und beschimpft ihn als Betrüger. Sie zieht diesen Monolog geschlagene zwanzig Minuten durch – dann steigt sie aus. Parallel dazu spielt ein Punk auf der entgegengesetzten Wagonseite auf seiner E-Gitarre, um Geld zu schnorren.
Achja: Übrigens war ich heute am Griffith-Observatorium, von wo ich einen großartigen Blick auf L.A. und den Hollywood-Schriftzug hatte. Außerdem war ich auf dem Sunset-Strip und habe das House of Blues gesehen – und den Key-Club, wo die Doors und die Byrds entdeckt worden sind. Aber der öffentliche Nahverkehr war heute die Hauptattraktion.

Sa, 22.August, 11:11
Seit ca. zwei Stunden ist Tom, der Techniker von Verizon, bei uns im Apartment, um unseren Internet- und Kabel-TV-Anschluss einzurichten. Er erzählt, dass er ZZ-Top mag und sogar das Mädchen ignoriert hat, mit  dem er ausgegangen ist, als er sie zum ersten Mal im Radio hörte.
Ich unterhalte mich mit ihm über deutsche und amerikanische Autos und die Weltwirtschaftskrise. Er hält Barak Obama für einen Idioten. Ich überlege, ob ich mich dazu äußern soll, halte es dann aber für intelligenter, meine Meinung für mich zu behalten.

Sa, 22. August, 12:12
Tom ist weg, Internet und TV funktionieren. Welcome me to the digital world again.

So, 23. August, 12:22
Heute lerne ich auch Ivan kennen, meinen dritten Mitbewohner und Zimmergenossen. Er kommt ins Zimmer während ich noch meinen Rausch vom Vorabend ausschlafe. Wirklich nicht die beste Art, jemanden kennenzulernen.
Gestern waren wir bei IKEA und haben einen Esszimmertisch gekauft. Außerdem vier gebrauchte Fahrräder für 200 Dollar. Abends waren wir im Fitnessstudio – und heute kann ich meine Arme nicht mehr heben.
Als wir zurückkommen, hängt ein Zettel von unseren Nachbarn an der Tür, die uns zum Trinken einladen. Sie haben sogar ein paar deutsche Worte eingebaut. Nach dem Essen gehen wir zu ihnen herüber. Es ist Mitternacht und die meisten von ihnen sind bereits betrunken. Wir spielen erneut Kings-Cup, das Trinkspiel, das ich bereits am Mittwoch kennen gelernt habe. Ich habe Angst, dass der schwule Junge neben mir auf meine Hose kotzt. Aber er schafft es, das Schlimmste zu verhindern, obwohl er bereits Tränen in den Augen hat.
Später gehen wir ins Haus von Kelly und Sarah und spielen ein Gesellschaftsspiel. Ich lerne Zach kennen und er lädt uns zu seiner Party am Donnerstag Abend ein. Es ist spät und wir reden über Gott und Politik. Ziemlich lange – auch wenn man das mit Amerikanern ja eigentlich nicht tun sollte. Ich gehe um halb sechs schlafen und stehe um halb elf auf, weil wir nach Beverly Hills, Bel Air und Venice Beach fahren wollen.

So, 23. August, 22:33
Dank unseres ausgedehnten Abends und den üblichen Startschwierigkeiten beginnen wir unseren Trip nach L.A. erst gegen Mittag. Als erstes fahren wir zum Griffith-Observatory und schauen uns gemeinsam noch einmal das Hollywood-Sign und die Skyline an. Dieses Mal ist der Wetter deutlich besser – doch die Dunstglocke über der Stadt ist immer noch da. Gegen Nachmittag brechen wir nach Beverly Hills auf. Von dort aus wollen wir nach Bel Air und dann weiter nach Santa Monica fahren. Allerdings verfranzen wir uns und geraten auf den Mulholland Drive, folgen ihm einige Meilen und finden uns mehr zufällig in Bel Air wieder. Von dort aus fahren wir in die falsche Richtung und erreichen Santa Monica erst gegen Abend. Wir schlendern den Pier entlang und trinken in einer Bar ein Bier. Ich mache den Fehler und bestelle ein großes. Ich bekomme einen Ein-Liter-Krug für 10 Dollar. Zumindest die Nachos sind dafür aber gratis.
Den Abend verbringen wir im Apartment und rechnen aus, wie viel Geld uns Long Beach bisher gekostet hat. Es ist erschreckend.
Außerdem einigen wir uns darauf, die Toilette ausschließlich im Sitzen zu benutzen, um die Putzintervalle so gering wie möglich zu halten. Ivan fasst diese Mitteilung mit einer Mischung aus Unverständnis und Resignation auf. Ich glaube, er hat noch nie etwas davon gehört, dass Männer sich zum Pinkeln hinsetzen könnten.
Ich bin jetzt seit einer Woche hier – und es ist heute vermutlich das letzte Mal, dass ich einen exakten Tagesbericht ablegen werde. Ich vermute einfach, dass ich dazu zukünftig nicht mehr die Zeit haben werde.

IMG_6245

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>