Die Insel des Lächelns

Psychothriller – in Arbeit

Leseprobe

Der Nebel war so dicht, dass er den Bug des kleinen Schiffs darin allenfalls erahnen konnte. Ein eisiger Wind pfiff über das schmale Oberdeck und zerrte an der niedersächsischen Landesflagge über seinem Kopf, als wolle er sie in Stücke reißen. Dunkle Wellen peitschten gegen den Rumpf des Frachters und ließen ihn in schnellem Rhythmus hin- und herschaukeln – wie ein Papierschiff, das in einen Windkanal geraten war. Es schien fast so, als wolle das Meer ihm zeigen, wie schutzlos er war. Dass es mit ihm tun und lassen konnte, was es wollte – und dass es nichts gab, was er dem entgegensetzen konnte. Absolut nichts.

Er hatte schon immer Angst vor dem Meer gehabt. Seitdem er denken konnte, dachte er dabei an Flutkatastrophen, mit denen es auf einen Schlag ganze Landstriche ausradierte. An Schiffsunglücke, bei denen Tausende von Menschen ihr feuchtes Grab darin fanden. An Nebelbänke, die so dicht waren, dass sich alles Licht darin verlor – und jegliche Hoffnung, jemals wieder einen sicheren Hafen zu finden. Seitdem er träumen konnte, plagten ihn Albträume von Wasserleichen, die plötzlich ihre farblosen Augen aufrissen und ihn in die pechschwarze Tiefe zerrten. Von grauenhaften Wesen, die in der unendlichen Dunkelheit der Tiefsee auf vorbeifahrende Schiffe lauerten und nur darauf warteten, Passagiere und Besatzung ins Verderben zu stürzen. Und seitdem er laufen konnte, versuche er vor alldem wegzulaufen. So weit, wie es nur irgendwie ging. Doch ganz egal wie weit und wie schnell er auch lief, irgendwie schaffte es das Meer anscheinend doch immer, mit ihm Schritt zu halten.

So wie heute Morgen. Er hatte gerade sein Büro betreten und frischen Kaffee aufgesetzt, als das Telefon klingelte. Einen Moment lang dachte er ernsthaft darüber nach, es einfach klingeln zu lassen. Wer sollte es auch schon sein? Sein Chef aus der Stadt, der ihm mit dreitägiger Verspätung doch noch zum Geburtstag gratulierte? Die Redaktionsassistentin der Lokalzeitung, die ihn wegen irgendeiner Belanglosigkeit 45 Minuten lang mit sinnlosen Fragen löcherte? Die Leiterin des Ordnungsamts, die ihn zum x-ten Mal darauf hinwies, dass er sich auch mit seinem Dienstwagen gefälligst an die geltenden Halteverbote zu halten hatte?

Als das altmodische Telefon auf seinem Schreibtisch nach achtmaligem Klingeln immer noch nicht schwieg, griff er schließlich doch zum Hörer und zog ihn mit einer extrem langsamen Handbewegung zu sich heran – in der Hoffnung, dass der Anrufer bereits aufgelegt hatte, bevor der Hörer sein Ohr erreichte. Doch das erhoffte Tuten am anderen Ende der Leitung blieb aus. Es würde ihm also nichts anderes übrig bleiben, als mit seinem Tagewerk zu beginnen.

„Polizeistation Norddeich, Hauptkommissar Claas Paulsen am Apparat“, brummte er in den Hörer.

„Bitte helfen Sie mir. Meine Tochter ist verschwunden. Sie müssen mir helfen. Bitte, helfen sie mir doch.“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang vollkommen aufgelöst. Die Anruferin – es war höchstwahrscheinlich eine Frau Mitte 30 – musste den Tränen nahe sein. Wie zur Bestätigung dieser Annahme schluchzte sie in diesem Moment tatsächlich in die Leitung.

„Bitte beruhigen Sie sich“, brummte Paulsen. „Ich kann ihnen nur helfen, wenn Sie sich beruhigen. Und wenn Sie mir einige Informationen geben. Wie heißen Sie?“

„Anna Müller.“ Die Frau schluchzte noch immer – und Paulsen spürte, wie ihn ein Gefühl beschlich, von dem er im Laufe seiner 25-jährigen Dienstkarriere eigentlich gelernt hatte, es so gut es ging zu verdrängen: Mitleid. Er hatte Mitleid mit ihr.

„Und von wo rufen Sie an, Frau Müller?“

„Neblin.“ Wieder Schluchzen.

„Neblin?“, wiederholte Paulsen – und spürte, wie sich zu dem Gefühl des Mitleids ein weiteres gesellte, dass er jedoch noch nicht eindeutig charakterisieren konnte. „Die Insel Neblin?“

„J-j-ja. Die Insel Neblin.“

„Das tut mir leid, Frau Müller, aber dafür bin ich leider nicht zuständig. Sie müssen sich an die Nebliner Polizeistation wenden, dort…“

„Dort kann mir niemand helfen.“ Aus dem Schluchzen war ein Weinkrampf geworden – und Paulsen spürte, wie es ihn innerlich beinahe zerriss. Obwohl er die Frau am anderen Ende der Leitung nicht kannte, löste der bloße Klang ihrer Stimme  ein seltsames Gefühl in ihm aus. Er spürte eine Verbindung zu ihr. Als sei sie jemand, den er sein Leben lang gekannt hatte – und für den er sich verantwortlich fühlte.

„Ich möchte Ihnen wirklich helfen, Frau Müller“, hörte Paulsen seine eigene Stimme sagen. „Aber…“

„Dann tun Sie es doch einfach“, unterbrach ihn die Frau erneut. „Das Boot fährt um zwölf. Sie sind meine einzige Hoffnung, Kommissar Paulsen.“

Es knackte in der Leitung. Einen Moment lang starrte der Kommissar unsicher auf den Hörer in seiner Hand. Dann knallte er ihn auf die Gabel und griff zu seinem Funkgerät.

„Neblin von Norddeich – Kommen.“

Als Antwort erhielt er lediglich ein langgezogenes Rauschen.

„Neblin von Norddeich – Bitte Kommen, Neblin.“

Erneutes Rauschen, dann antwortete eine blecherne Stimme.

„Hier Neblin – Kommen.“

„Hier Norddeich. Hauptkommissar Paulsen. Mit wem spreche ich? – Kommen.“

„Hier Neblin. Polizei Neblin. – Kommen.“

„Hier Norddeich. Es ist mir klar, dass ich mit der Polizei von Neblin spreche. Wie heißen Sie, Mann?“

Rauschen.

„Hier Norddeich. Hören Sie mich? – Kommen.“

„Hier Neblin. Ja. – Kommen.“

„Dann verraten Sie mir doch bitte Ihren Namen.“

Rauschen.

„Neblin?“

„Hier Neblin. Sie haben nicht Hier Norddeich und auch nicht Kommen gesagt. Krieger. – Kommen“

Paulsen spürte, wie sich die Finger seiner rechten Hand enger um das Funkgerät schlossen. Schon nach diesen wenigen Sätzen war klar, dass er diesen Krieger nicht leiden konnte. Er machte ihn wütend.

„In Ordnung, Krieger“, antwortete Paulsen – und biss sich auf die Lippen. Er hasste Funkgeräte. „Hier Norddeich. Ich habe einen Anruf von Frau Anna Müller erhalten. Sie vermisst Ihre Tochter. Was haben Sie in diesem Fall bisher unternommen?“

Zwei Sekunden Schweigen. Dann fügte Paulsen Kommen hinzu. Er war drauf und dran, den Apparat vor die Wand zu pfeffern.

„Hier Neblin. Bei uns gibt es keine Frau Müller. – Kommen.“

„Ich habe…“ Er hielt kurz inne, überlegte, ob er sich verbessern sollte, entschied sich dann dagegen. „… vor zwei Minuten mit Anna Müller gesprochen. Sie wohnt auf Neblin und vermisst ihre Tochter. Sie muss Ihnen doch bekannt sein. – Kommen.“

„Hier Neblin. Bei uns gibt es keine Frau Müller. Es ist alles in Ordnung. – Kommen.“

„Nichts ist in Ordnung, Krieger. Anna Müller hat mich angerufen und um meine Hilfe gebeten. Außerdem hat sie gesagt, dass Sie ihr nicht helfen können. Wenn Sie nicht umgehend ihren… verdammten Arsch in Bewegung setzen, werde ich heute noch auf die Insel kommen und mich selbst um die Sache kümmern.“ Es gab kaum etwas, das Paulsen weniger gern getan hätte. Aber selbst nachdem die Anruferin aufgelegt hatte, spürte er noch immer eine Verbindung zu ihr. Eine Verbindung, die so intensiv war, dass er beinahe alles getan hätte, um ihr zu helfen.

„Hier Neblin. Nicht notwendig. Es ist alles in Ordnung. – Kommen.“

In diesem Moment wurde Paulsen klar, dass er seine Entscheidung bereits getroffen hatte. Eigentlich schon, bevor er überhaupt mit seinem inkompetenten Kollegen Krieger gesprochen hatte – gegen den er bereits eine fast ebenso große Antipathie hegte, wie er für Anna Müller Sympathie empfand. Eigentlich schon, bevor sie ihn überhaupt dazu aufgefordert hatte, nach Neblin zu kommen. Denn eigentlich war ihm schon vom ersten Moment an klar gewesen, dass er die Frau kennenlernen wollte. Die Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte – und die ihm doch so seltsam vertraut vorkam.

„Hier Norddeich. Ich komme mit dem Boot um zwölf. Ich erwarte Sie am Hafen. Ende.“

Und so kam es, dass Hauptkommissar Claas Paulsen gut zwei Stunden später ein kleines Frachtschiff bestieg – die einzigen Verbindung zwischen dem Festland und der kleinen Nordseeinsel Neblin, deren Bewohner es irgendwie geschafft hatten, ihre Existenz vor den Heerscharen von Touristen geheim zu halten, die die übrigen friesischen Inseln in jedem Jahr heimsuchten. Es war der dritte November. Der wohl nebeligste und windigste Tag des ganzen Jahres. Der denkbar ungünstige Tag für einen Inselausflug. Besonders für jemanden, der sich so sehr vor dem Meer fürchtete wie Claas Paulsen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>