Geschichten, wie sie das Leben schreibt

Biographie meines Großvaters – 180 Seiten

 

 Sein Jahrhundert kann man nicht verändern, aber man kann sich dagegen stellen und glückliche Wirkungen vorbereiten.
Johann Wolfgang von Goethe

Leseprobe

An seinem ersten Schultag betrat Wendelinus das Schulgebäude und erfuhr, dass die Schüler die Aufgabe gehabt hatten, die Beine aller Hühner zu zählen, die sich in den Ställen der Familien befanden. (Auch das Bauernhaus der Piroths verfügte über einen Hühner- einen Schweine, und einen Pferdestall.)

Dummerweise wusste mein Großvater nichts davon (wie auch, er war schließlich zum allerersten Mal in der Schule) und entscheid aus Furcht vor einer Strafe, dass es wohl besser sei, dem Unterricht nun ganz fern zu bleiben.
„Kurzerhand habe ich also all meine Sachen wieder eingepackt und bin nach Hause gegangen“, erinnert er sich. Da die Familie Piroth Lehrer Born natürlich bestens bekannt war und im Dorf ein nicht unerhebliches Maß an Ansehen genoss, wurde der junge Wendelinus für sein „Blaumachen“ nicht bestraft.

Dass Alois Born jedoch bei Weitem nicht alles durchgehen ließ und auch ein Piroth in Tiefenbach durchaus bestraft wurde, lässt sich anhand folgender Begebenheit verdeutlichen: Mit etwa zehn Jahren nutzte Wendelinus die Schulpausen, um gemeinsam mit seinem Cousin Peter Piroth und einigen Mitschülern auf einem nahe gelegenen Spielplatz Zigaretten zu rauchen, die dieser aus dem Geschäft seiner Mutter geklaut hatte.

Als der Lehrer Wind von der Sache bekam (nicht den Braten, sondern den Qualm roch, könnte man sagen), diktierte er alle Schüler ins Schulhaus, verriegelte die Türen und nahm jeden seiner Schützlinge einzeln ins Verhör, bis die Schuldigen gefunden und bestraft waren.

(aus: Kapitel I – Kinder- und Jugendzeit)

 

Am 3. Februar 1943 bekam mein Großvater erstmals das Gefangenenlager zu Gesicht, in dem innerhalb weniger Wochen  25 000 seiner Kameraden den Tod finden sollten. Jede Baracke war etwa vierzig Quadratmeter groß; auf diesem engem Raum waren bis zu vierzig deutsche Soldaten eingepfercht – gerade so viele, dass jeder genügend Platz hatte, um auf dem Fußboden zu schlafen. Die Hütten (auch wenn sie diese Bezeichnung eigentlich nicht verdienten) waren weder beheizt noch möbliert. Zusätzlich verfügte das Lager über eine Küche und einen Brunnen.

Bei der Ankunft wurde Wendelinus zunächst erneut auf SS-Merkmale hin überprüft, dann kam er in einen Raum, wo er all seine Kleider, seine Uhr und sonstige Wertgegenstände abgeben musste. Sogar seine gefütterten Fliegerstiefel nahm man ihm ab, sodass er sich Wolldecken um die Füße binden musste, damit sie ihm nicht abfroren.

Seinen übrigen Kameraden blieb ohnehin keine andere Wahl: Ihre ungefütterten Stiefel waren für die arktische Kälte derart ungeeignet, dass ihre Extremitäten darin ohnehin abgestorben wären.
Frauen rasierten ihm am ganzen Körper, danach wurde er willkürlich einer Baracke zugeteilt….

(aus: Kapitel III – Kriegsgefangenschaft)

 

Am 30. Oktober 1986 geschah dann etwas, dass für die Familien Papesch und Piroth, aber insbesondere auch für die Entstehung dieses Buches von größter Bedeutung war.
Im Knappschaftskrankenhaus von Bochum-Langendreer hielt es ein 3710 Gramm schwerer und 52 Zentimeter großer Säugling nicht länger im Bauch seiner Mutter aus und kam im Laufe des Nachmittags per Kaiserschnitt auf die Welt.
Dieses kleine, wohlgenährte Kind war ich.

Wendelinus Piroth war nun also zum ersten Mal in seinem Leben Großvater – und da sein Enkelsohn gemeinsam mit seinen Eltern direkt nebenan wohnte, konnte die Beziehung zwischen uns beiden wohl kaum inniger sein.

Zudem hatte ich meinen Opa väterlicherseits niemals kennen gelernt und auch die Mutter meines Vaters war schon sehr früh an Krebs gestorben, sodass mir nur noch das eine Großelternpaar geblieben war.

Dafür reicht die Zeit, die ich mit Marianne und Wendelinus verbringen durfte aber auch beinahe für jeweils zwei Großmütter und -väter.

(aus: Kapitel IX – Rentenzeit)

Anmerkung des Autors

Dieses Werk erhebt nicht wirklich den Anspruch, eine Biographie zu sein. Eine Biographie ist die genaue Lebensbeschreibung eines Menschen von oft historischer Bedeutung, die ein Biograph verfasst hat.
Ich bin kein Biograph.

Dieses Werk erhebt nicht den Anspruch, ein Lebensbild zu sein. Ein Lebensbild ist eine Art Kurz-Biographie einer historisch eher unbedeutenden Person, die ein Heimat- oder Familienforscher verfasst hat.
Ich bin kein Forscher.

Aber ich bin Enkel.
Der Enkel des Mannes, dem dieses Buch gewidmet ist.
Und ich glaube, dass die Lebensgeschichte meines Großvaters eine wirklich außergewöhnliche ist.

„Jedes Leben ist etwas besonderes“, wird man jetzt antworten. Natürlich.
Aber mein Opa hat eine Zeit erlebt, von der heutzutage kaum jemand mehr berichten kann.
Er hat Dinge gesehen, die vielen von uns den Verstand geraubt hätte. Grausamkeiten, die an dem Guten in der Menschheit zweifeln lassen.
Aber ich glaube, er hat auch viel Schönes gesehen.
So viel Schönes, dass er, wenn er heute zurückblickt, sagen kann:
„Ich bin stolz auf mein Leben. Stolz auf das, was ich erreicht habe. Stolz auf mich.“

Ich wäre es zumindest.

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