über das Schreiben

Geschichten werden nicht geschrieben. Sie passieren einfach. In einer dieser vielen Welten, die neben unserer Welt existieren. Der Welt, die wir gemeinhin als Realität bezeichnen. Ein Schriftsteller beobachtet diese Welten bloß. Manchmal aus nächster Nähe, manchmal nur durch eine dieser kleinen, leicht milchigen Fensterscheiben, hinter denen das Leben zu bloßen Schemen verblasst. Er schaut zu, wie irgendjemand irgendetwas in irgendeiner dieser Welten erlebt. Und wenn es ihn fasziniert – ihn schockiert oder amüsiert, zum Lachen oder zum Weinen bringt – dann schreibt er es auf. Und dabei kommt es nicht einmal so sehr darauf an, mit welchen Worten er das tut. Es kommt vielmehr auf das Timing an. Darauf, von welchem Zeitpunkt an er seinen Helden begleitet – und wann er seinen Blick wieder von ihm abwendet und sich selbst überlässt.

Wenn man mich fragt, wann ich mit dem Schreiben angefangen habe, dann weiche ich dieser Frage meist aus. Manchmal erzählte ich einfach irgendeine nebensächliche Anekdote aus meiner Kindheit und hoffe darauf, dass mein Gegenüber in der Zwischenzeit vergisst, dass er eigentlich gar nichts von meinem erstes Rutschauto oder dem Familienurlaub in Wyk auf Föhr wissen wollte. Meistens habe ich mit dieser Taktik dann auch Erfolg – aber manchmal eben auch nicht. Und dann muss ich meinem Gesprächspartner gestehen, dass ich seine Frage leider nicht beantworten kann. Denn ich weiß nicht, wann genau ich mit dem Schreiben angefangen habe. Und ich weiß auch nicht, ob das wirklich wichtig ist.

Meine Patentante erzählt manchmal, dass sie sich noch gut an einen Aufsatz erinnern kann, den ich geschrieben habe, als ich in der dritten Klasse war. Es ging darin wohl um einen riesengroßen Stutenkerl – und ich glaube, es gab ihn wirklich. (Den Stutenkerl, nicht den Aufsatz…)

In der sechsten Klasse habe ich dann eine drei oder vier Seiten lange Geschichte geschrieben, die ich sogar bei einem Wettbewerb in der Aula unserer Schule vorlesen durfte. Wenn ich mich recht entsinne, ging es darin um einen amerikanischen Geheimagenten der Jack, John oder Joe hieß. (Ich glaube, er hieß Jack und der Bösewicht hieß John oder Joe, aber ich möchte mich nicht darauf festlegen.) Außerdem gab es da noch eine Mega- oder Hyperbombe und jede Menge Kraftausdrücke, auf die die Zuhörer – hauptsächlich Lehrer und Eltern – mit nervösem Hüsteln und (an besonders „interessanten Stellen) leicht empörtem Räuspern reagierten.

Natürlich habe ich den Wettbewerb nicht gewonnen. Stattdessen wurde ein zwei Jahre älteres Mädchen zur Siegerin gekürt, die eine Geschichte über verliebte Pferde geschrieben hatte. Unser Direktor strahlte nach der Entscheidung über das ganze Gesicht – und auch den übrigen Anwesenden war anzumerken, dass sie sichtlich erleichtert darüber waren, dass nicht die Erzählung über den tapferen, ausgesprochen maskulinen Helden Jack und das „arschgefickte Riesenarschloch“ John/Joe gewonnen hatte.

Meinen ersten Roman schrieb ich, als ich 17 war. Ich begann damit, nachdem der erste Dunkin-Versuch meines Lebens damit geendet hatte, dass ich vom Basketballkorb abgerutscht und aus drei Metern Höhe mit der linken Schulter auf den harten Hallenboden geknallt war. Das Ergebnis: ein gebrochener Oberarm, ein einwöchiger Krankenhausaufenthalt – und jede Menge freie Zeit.

Ursprünglich wollte ich über Basketball und Neonazis schreiben. Über ein Jugendteam, das sich von seinem rechtsradikalen Trainer beeinflussen lässt, am Ende aber – dank eines tapferen, ausgesprochenen maskulinen Helden (dieses Mal Alex, nicht Jack) – doch noch gegen das rechte Gewäsch aufbegehrt und ihn am Ende mit der Moralkeule aus der Halle prügelt. Dummerweise begann schon nach den ersten zwanzig Seiten das Übersinnliche und Mysteriöse in meine Erzählung Einzug zu halten. Mit jedem neuen Kapitel entfernte sie sich weiter von der sozialkritischen Analyse, als die ich sie eigentlich begonnen hatte – bis dieser Aspekt schließlich zu einer bloßen Randnotiz verblasste.

Anfangs fragte ich mich, ob ich mich irgendwie dagegen wehren konnte. Ob ich versuchen sollte, ein anderes Fenster zu finden, dass mir den Blick in eine andere Welt gewähren würde. In eine Welt, in der sich eine Geschichte ereignete, in der es um Basketball und Neonazis ging. Doch ich habe nie gewagt, es zu versuchen. Denn ich hatte davor, dass ich hinterher nicht mehr zu meinem alten Fenster zurückfinden würde und sich die Welt dahinter für mich schloss – und für immer verschlossen blieb. Während ich also immer tiefer in eine phantastische Traumwelt eintauchte, in der die Protagonisten weder den Gesetzen der Physik noch jenen der Logik unterworfen waren, wurde ich mir nach und nach über etwas bewusst. Über etwas, das sowohl mich wie auch meine Geschichten bis heute beeinflusst. Denn als ich damit begann, den Figuren aus meinem Roman auch außerhalb der Seiten zu begegnen, in denen ich sie kennengelernt hatte – im Bus zur Schule, beim Basketballtraining, beim Filmabend mit meinen Freunden – begriff ich, dass ich gar nicht derjenige war, der die Geschichte schrieb. Ich war lediglich der, der sie aufschrieb. Und vielleicht war es auch gar kein Zufall, dass es ausgerechnet diese Geschichte war. In ausgerechnet dieser Welt.

Schon als meine Gutenacht-Lektüre noch aus den Drei ??? und den Jungs von Burg Schreckenstein bestand, war ich beim Gang durch den Erwachsenenteil der Stadtbibliothek immer wieder vor einem bestimmten Buch stehen geblieben: Einem dicken Schmöker mit blauem Einband, auf dessen Deckel nur ein einziges, in blutverschmierten Lettern geschriebenes Wort zu lesen war: ES.  Als ich mich nach mehreren Monaten endlich traute, Stephen Kings Bestseller aus dem Horror- und Fantasyregal zu nehmen und bei der stinkfreundlichen Ausleihtante auf den schmalen Tresen zu legen, war es um mich geschehen. Ich las den Roman während eines Nordseeurlaubs mit meiner Familie und brauchte für die knapp tausend eng beschriebenen Seiten genau viereinhalb Tage. Während dieser Zeit konnte ich nachts nicht mal mehr aufs Klo gehen, ohne dabei an mindestens vier verschiedenen Stellen unserer Ferienwohnung das Licht einzuschalten. Hinter jeder Ecke schien etwas Dunkles, etwas Böses zu lauern – und ich war mir plötzlich sicher, dass Stephen King mit dem Satz unter der Widmung recht gehabt hatte. Dem ersten aus seiner Feder stammenden Satz den ich je gelesen habe: The magic exists.

Von jenem schicksalsschweren Nordseeurlaub an verschlang ich alles, was ich an Horror- und Fantasy-Literatur in die Finger bekommen konnte – und bereits damals hatte ich mir fest vorgenommen, dass auch ich irgendwann mal ein Buch schreiben wollte. Die einwöchige Bettlägerigkeit – die ich meinem sportlichem Übermut und der Tatsache verdankte, dass die Körbe in der Sporthalle meines Heimatsorts rund 2,6 Zentimeter höher hängen als anderswo – schien mir hierfür der geeignete Zeitpunkt.

In meinem Romandebut Rebound – Die Leichtigkeit des S(ch)eins geht es um einen Jungen, dem eine unbekannte Droge die Türen zu einer Parallelwelt öffnet. Einer Welt, die scheinbar nach seinen Regeln spielt. In gewisser Weise ist die Erzählung wohl ein Manifest meines damaligen Lebens und Denkens. Ein Werk, dass von Liebe erzählt – und von Hass. Von echten und falschen Freunden. Von Erinnerungen – und von Träumen.

Ich beendete Rebound – die Leichtigkeit des S(ch)eins im Sommer 2005. Der Roman hatte sich völlig anders entwickelt, als ich es geplant hatte – aber vermutlich funktioniert kreatives Schreiben eben so. Es ist wie eine Wanderung durch dichten Nebel. Man weiß woher man kam und kann erahnen, wohin man geht. Und doch muss man sein Ziel im Auge behalten, wenn man sich nicht hoffnungslos verirren will.

Rund ein Jahr später machte ich das Abitur – und hatte in der Zwischenzeit keine einzige fiktive Zeile mehr zu Papier gebracht. In dieser Zeit verschlang ich Unmengen von Büchern, die sich mit Adolf Hitler und dem dritten Reich beschäftigten. Aus diesem Interesse erwuchs schließlich die Idee, eine Art Lebenslauf meines Großvaters zu schreiben – einem Mann, dessen Vater als Hitler-Gegner alles verloren hatte und der selbst an vorderster Front in den Russland-Feldzug ziehen musste. In stundenlangen Gesprächen schilderte er mir seine Erinnerungen, seine Gedanken und Ansichten. Und ich schrieb sie auf. So, wie ich es meistens tue.

Noch während der Arbeit an Geschichten, die das Leben schreibt musste ich aber feststellen, dass der Drang nach Fiktionalität in meinem Schreiben wieder stärker wurde. Also begann ich parallel dazu ein Buch zu schreiben, das sich aus Kurzgeschichten unterschiedlichen Genres zusammensetzt: einen Episodenroman. Neben einer Fantasy-Erzählung über einen magischen Walkman tauchen darin eine Hardcore-Horror-Geschichte, eine Art Drama und eine Chat-Erzählung auf, deren Handlungsstränge jedoch alle an einem bestimmten Punkt zusammenlaufen. Auch dieser Roman gibt wieder verdammt viel von mir selbst preis. Erschreckend viel…

Schon nach wenigen Monaten – die vielleicht die produktivsten meines bisherigen schriftstellerischen Lebens gewesen sind – musste ich feststellen, dass human recht komplex werden würde. Zu komplex – zumindest, um als Erstling eines Schriftstellers veröffentlicht zu werden, von dem bisher niemand gehört hatte.

Aus diesem Grund unterbrach ich Ende 2007 meine Arbeit daran und begann, den Fantasyroman Traumfänger zu schreiben. Er erzählt die Geschichte von Willibald Daringhoff, Benjamin Frederik Ahrents und eines geheimnisvollen Hauses in den Wäldern, das seinen Besuchern übersinnliche Fähigkeiten verleiht – ihr Leben damit aber auch nachhaltig und unumkehrbar verändert. Traumfänger spielt in einem fiktiven Ort, der meiner Heimatstadt nicht unähnlich ist – und ein wenig mit den Erfahrungen, die ich während der parallelen Arbeit an Geschichten die das Leben schreibt und human gemacht habe: Willibald Daringhoff ist ein 92-jähriger Mann, der in einem Altenheim wohnt. Benjamin Frederik Ahrents, angehender Abiturient, bittet ihn eines Tages um Hilfe. Um Hilfe bei einer Sache, an die der alte Mann schon seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Von der er gehofft hatte, dass sie endlich überstanden sei…

In der Retrospektive ist Traumfänger wohl deutlich autobiographischer geworden, als es geplant war – auch wenn ich nicht sicher sagen kann, auf welche Figuren und Stellen ich diese Einschätzung beziehen soll.

Es ist die beste Geschichte, die ich bisher geschrieben habe. Sie lebt durch ihre starken Charaktere, ihre nonlineare Narrationsstruktur, einen unzuverlässigen Erzähler und eine Vielzahl unerwarteter Wendungen. Sie ist genauso eine Geschichte, wie ich sie selbst gerne lese: kurzweilig, spannend, manchmal lustig und manchmal verstörend – aber niemals ganz durchsichtig.

Ende 2010 wurde die Literaturagentin Anja Koesseling auf mich aufmerksam. Sie lektorierte Traumfänger und bot ihn einigen Verlagen an – die jedoch vor seiner Komplexität und seiner unklaren Genre- und Zielgruppenzuordnung zurückschreckten.

Mittlerweile arbeite ich an einer neuen, deutlich erwachseneren Geschichte. Insel des Lächelns ist ein Kriminalthriller, in dessen Mittelpunkt ein einsamer Dorfpolizist und eine frustrierte Journalistin stehen, die den mörderischen Vorgängen auf einer einsamen Nordseeinsel auf den Grund gehen wollen – aber schnell feststellen, dass sie mehr mit den Geschehnissen zu tun haben, als sie geahnt hatten. Was genau die beiden dort erwarten wird, weiß bisher ehrlich gesagt selbst noch nicht. Aber ich werde meine so lange Nase an der milchigen Fensterglasscheibe plattdrücken, bis ich es herausgefunden habe. Versprochen!

Für mich war Schreiben schon immer mehr. Mehr als ein Zeitvertreib. Mehr als ein Ausgleich zur ernüchternden Rationalität der „wirklichen“ Welt. Mehr als ein Weg, um die Stimmen in meinem Kopf dazu zu zwingen, eine Zeitlang nur das zu sagen, was ich auch wirklich von ihnen hören will. Schreiben ist eher wie ein Spaziergang im Regen – nur, dass man keine Angst davor haben muss, hinterher mit einem Schnupfen nach Hause zu kommen. Es ist wie ein Ausflug in eine Welt, in der es weder Verbotsschilder und noch verschlossene Türen gibt. Wie träumen – ohne dass man nach dem Aufwachen die Hälfte wieder vergessen hat.

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