über das Leben

Ich heiße Christian Michael Papesch, wurde am 30. Oktober 1986 in Bochum geboren und bin in der Kleinstadt Wetter an der Ruhr aufgewachsen. Von 1993 bis 1997 besuchte ich die Gemeinschaftsgrundschule in Wengern…

So – oder zumindest so ähnlich – beginnen die meisten ausführlichen Lebensläufe. Lebensläufe, die  den Menschen helfen sollen, sich ein Bild von jemandem zu machen, den sie eigentlich gar nicht kennen. Einem potentiellen Angestellten. Einem Kandidaten für den Stadtrat. Oder irgendeiner, mehr oder weniger bekannten oder wichtigen, Persönlichkeit.

Es sind Lebensläufe, von denen verlangt wird, dass aus ihnen hervorgeht, was man bisher in seinem Leben getan hat. Was man geleistet hat. Und das bitte so kurz, prägnant und sachlich wie nur irgendwie möglich. Solche Lebensläufe beginnen meist mit G wie „Geburt“ und hören mit S wie „soziales Engagement“ oder „sonstige Interessen“ auf. Sie informieren über jemanden. Aber sie erzählen nicht von ihm.

Und deshalb möchte ich dieses Mal eigentlich nicht so beginnen. Ich möchte nicht von den verschiedenen, mess- und bewertbaren Stationen in meinem Leben berichten, sondern von meinem Leben an sich. Von Dingen, die mir wichtig sind. Dinge, an die ich mich nicht deshalb erinnere, weil sie sich in Daten und Fakten ausdrücken lassen, sondern weil sie sich in mein Gedächtnis gebrannt haben wie ein glühendes Eisen ins weiche Fleisch einer Kuh.

Von der ersten Erinnerung, die es in meinem Kopf gibt, weiß ich ehrlich gesagt nicht mal mehr, ob sie sich in der Realität oder nur in einem Traum ereignet hat. Aber vielleicht ist das bei Erinnerungen auch gar nicht so wichtig.

Es ist Sonntagmorgen und ich liege im Bett meiner Eltern. Ich bin allein, aber die Seite, auf der mein Vater geschlafen hat, ist noch warm und riecht irgendwie nach ihm. Durch das einzige Fenster im Raum strömt helles Licht herein, das das dunkle Kirschholz des Schlafzimmerschranks auf seltsame Weise glänzen lässt. Im Bad rauscht der Wasserhahn, in der Küche rappelt jemand mit Tassen und Tellern. Es riecht nach Kaffee und Brötchen. Ich drehe mich um und schließe die Augen.

Schnitt.

Wir stehen in einem Feld voller Kornblumen. Nur meine Mutter, mein Vater und ich. (Mein Bruder war damals noch nicht geboren.) Es gab da mal so ein Lied. Ich glaube, mein Vater hat es früher häufiger gesungen. „Kornblumenblau“ hat es geheißen – zumindest ist das das einzige Wort, an das ich mich noch erinnern kann. Aber die Melodie kenne ich noch genau. Und ich bin sicher, dass mein Vater auch den Text kennen würde. Vielleicht frage ich ihn mal danach. Irgendwann.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich mich mal verlaufen habe. Besser gesagt: Ich habe geglaubt, mich verlaufen zu haben. Ich war damals gerade auf dem Heimweg vom Kindergarten, der knappe fünf Minuten (vielleicht sieben, wenn man von der Schrittlänge eines Vierjährigen ausgeht) von zuhause entfernt war. Auf halbem Weg gab es eine Abzweigung, die auf ein altes Eisenbahnviadukt führte. Der Weg war vollkommen zugewuchert und kaum begehbar – und meine Eltern hatten mir schon zigmal verboten, ihn zu benutzen.

Aber an einem Tag habe ich es trotzdem getan. Ich folgte dem Pfad, der von Farn, Brennnesseln und Brombeerbüschen gesäumt wurde. Ich ging einfach geradeaus, immer weiter und weiter. Irgendwann blieb ich stehen, lauschte in die Stille hinein und spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug und mir kalter Schweiß denRücken hinunter rann. Die Welt um mich herum kam mir plötzlich fremd und unheimlich vor. Als hätte sie lange, scharfe Zähne, mit denen sie jederzeit nach mir schnappen konnte. Ich machte kehrte und rannte den Weg wieder zurück. Die Brombeerbüsche peitschten gegen meine Beine und ließen darauf blassrote Schlieren zurück.

Obwohl es derselbe Pfad war, auf dem ich auch hergekommen war – und ich ihm einfach nur ebensolange folgen musste, um wieder zurückzukehren – schien er sich plötzlich verändert zu haben. Die Bäume und Sträucher kamen mir viel höher und dichter vor und sperrten das Sonnenlicht beinahe vollständig aus. Außerdem schien die Luft von einem unheimlichen Flüstern erfüllt zu sein; von einer garstigen Fistelstimme, die meinen Namen keuchte – auch wenn es im Grunde nichts weiter war als das Geräusch des Windes, der durch die Blätter fuhr.

Als ich wieder aus dem Wald herauskam, wartete meine Mutter am Ende des Weges. Sie hatte die ganze Zeit über dort gestanden und sich mit einer Nachbarin unterhalten. Plötzlich kam ich mir dumm und ängstlich vor. Dennoch machte ich von diesem Tag einen einen bewusst großen Bogen um diesen Weg. Und das tue ich bis heute.

Es gibt in meinem Heimatort aber auch eine Handvoll Plätze, die ich immer wieder gerne aufsuche. Plätze, an denen eine leise, knisternde Spannung herrscht, die nur sehr wenige Menschen wahrnehmen können. Nämlich diejenigen, die sie durch die sie zu magischen Plätzen geworden sind. Zu Orten, die mehr als nur eine Geschichte haben. Das sind die Menschen, die ich Freunde nenne.

Da gibt es zum Beispiel den „East-Stand“. Das verlotterte Wartehäuschen am ehemaligen Ostbahnhof meines Heimatortes,  wo schon seit Jahrzehnten keine Personenzüge mehr halten. Es ist der ideale Ort – besonders, wenn man jung ist und Dinge tut, von denen kein Erwachsener etwas mitkriegen soll.

Vom East-Stand aus ist es nur ein kurzes Stück bis zur Ruhr, an deren grünen Ufern sich ein asphaltierter Rad- und Wanderweg entlang schlängelt. Und von dort ist man binnen weniger Minuten in der „Mühle“, nahegelegenen Waldstück, durch das sich ein Spazierweg schlängelt. Oder auf dem Brasberg, dem wohl höchsten Platz des Ortes, wo es einen Kunstrasenplatz und eine Grillstätte gibt, die „Beck-Eck“ genannt wird.

Obwohl wir Kinder des Ruhrgebiets sind, haben wir unsere Jugend in der Natur verbracht. Auf Wiesen und in Wäldern, im Winter wie im Sommer, bei Regen genauso wie bei strahlendem Sonnenschein. Und immer ging es darum, der Wirklichkeit für ein paar Stunden zu entfliehen und sie zugleich intensiver wahrzunehmen als jemals zuvor. Ihre Existenz zu negieren und dabei doch all ihre Lebendigkeit in einem tiefen Lungenzug in uns aufzusaugen.

Vieles von dem, was wir damals getan haben, erscheint mir heute unglaubwürdig, beinahe surreal. Es war eine Zeit, in der wir nur für den Moment gelebt haben. Und für den Exzess. Ein Leben, in dem es nur das Jetzt gab und nie das Morgen. Aber irgendwann, in einer tiefen, wolkenverhangenen Nacht, hat uns das Morgen dann wohl doch eingeholt. Hat uns aus einem Traum gerissen, der uns weißmachen wollte, wir seien die unbesiegbaren Könige der Welt. Hat uns vor die hohe, schnörkellose Tür der Realität gestoßen und dann einfach allein gelassen.

Manchmal sind Freundschaften wie silberne Manschettenknöpfe. Man schmückt sich mit ihnen, aber wenn man sie nicht regelmäßig poliert, verlieren sie ihren Glanz. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte all meine Manschettenknöpfe wieder zum Glänzen bringen. Aber dafür fehlt mir einfach die Zeit. Außerdem weiß ich bei manchen nicht mehr genau, wo ich sie hingelegt habe. Oder was ich an ihnen je kleidsam fand.

An dieser Stelle ist es vielleicht an der Zeit, über die große Schwester der Freundschaft zu reden. Die Liebe. Liebe ist in vielerlei Hinsicht erwachsener als Freundschaft, meist vergänglicher und in aller Regel wesentlich komplizierter. Vermutlich ist es vor allem die Liebe, die die Menschen zum Singen bringt. Die sie dazu bringt, sich Geschichten auszudenken und aufzuschreiben.

Und weil die Liebe vermutlich der Hauptquell aller Kreativität ist, wird es immer schwieriger, etwas über sie zu sagen, das noch nicht gesagt wurde. Etwas, das nicht abgedroschen klingt. Etwas, das man noch nie irgendwo gehört, gesehen oder gelesen hat.

Liebe schmiedet Ketten und sprengt sie. Sie küsst und sie beißt. Sie hinkt und sie fliegt. Aber es lohnt, sich auf sie einzulassen. Eigentlich immer.

Ich erinnere mich an ihre weiche Haut. An das Gefühl, das ihre Finger auf meinen Lippen hinterlassen, wenn sie mich morgens früh weckt, weil sie nicht mehr schlafen kann. Ich erinnere mich an dieses sanfte Zucken ihres Körpers, kurz bevor sie abends einschläft – ein Zucken, so leicht, dass man es nur merkt, wenn man ganz nah bei ihr ist. Ich erinnere mich an ihr Lachen, klar und  hell – und an ihr Weinen, das mich oft traurig und manchmal wütend macht. Vielleicht sind Tränen die stärkste Waffe einer Frau – wenn man von Sex einmal absieht.

Ich erinnere mich daran, dass ihr immer genau dann all die Dinge einfallen, die sie mir noch erzählen muss, wenn ich eigentlich schon seit zehn Minuten irgendwo anders sein müsste. Ich erinnere mich an Spaziergänge im Regen, an Frühstück am späten Nachmittag und den Duft ihrer Haut auf meinem Kissen. Und daran, wie sehr sie es mag, wenn ich so von ihr rede. There you go, babe!

Vor ein paar Jahren habe ich davon geträumt, dass mein Bruder spurlos verschwunden ist. Es war der realste Traum, den ich jemals hatte – und als ich mitten in der Nacht davon erwachte, stand ich auf und stolperte schlaftrunken in sein Zimmer. Als ich das Licht einschaltete, wurde er wach und starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber mir war das vollkommen egal. Ich war einfach nur froh, dass er da war.

Ich habe mal irgendjemanden sagen hören, dass man sich eher an negative Erlebnisse erinnert als an gute. Dass es die Schrecken sind, die sich wie Schatten über unser Gedächtnis legen und selbst den guten Erinnerungen ein Stückchen ihres Strahlens rauben.

Aber was diese negativen Erinnerungen in meinem Kopf angeht, hülle ich mich an dieser Stelle in Schweigen. Aber wer genau hinschaut, findet Spuren von ihnen wahrscheinlich in so gut wie jeder Zeile, die ich je aufs Papier gebracht habe. Sucht danach, wenn ihr unbedingt wollt – oder lasst es bleiben.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>