Albanien ohne Gnade

Amnistia ist ein wortkarger Film. Die Dialoge sind kurz und sachlich. Smalltalk gibt es zwischen den Protagonisten nicht. Jede Konversation, die über das absolut notwendige hinausgeht, erscheint erzwungen und unangenehm.

Amnistia ist ein bedrückender Film. Die Einstellungen sind lang und statisch. Sie machen ein Wegsehen unmöglich. Mit Ausnahme weniger Landschaftsaufnahmen wirken die urbanen Schauplätze trist und tot. Die Protagonisten erscheinen wie Gefangene. Einige von ihnen sind tatsächlich eingesperrt.

Amnistia ist ein stiller Film. Die Filmmusik ist auf das Jammern eines Gajde (eine Art albanischer Dudelsack) beschränkt, das zweimal im Film auftaucht. Einmal untermalt es die Szene, als der Schwiegervater der Protagonistin das Instrument mitten in der Nacht spielt und die bedrückende Alltäglichkeit somit für eine Minute unterbricht. Und einmal dient das musikalische Jammern als Klangteppich für die finale Szene, in der der Film seinen tragischen Höhepunkt erreicht.

Amnistia ist ein anonymer Film. Die Charaktere tragen keine Namen. Sie sind keine Individuen, sondern verkörpern eine Ansammlung von Eigenschaften, die Regisseur Bujar Alimanis bei den Recherchen für seinen Film an einer Reihe unterschiedlicher Personen ausmachen konnte. Dennoch wirken sie wie eigenständige Personen.

Amnistia ist ein tragischer Film. Er erzählt die Geschichte einer Frau und eines Mannes, deren Ehepartner im Gefängnis sitzen. Ein neues, liberales Gesetz gestattet den Paaren, sich einmal im Monat für eine Stunde zu treffen – um miteinander zu schlafen. Nach einem dieser Besuche lernen sich die Beiden kennen und beginnen eine Affäre. Als der albanische Staat nach vier Monaten eine Generalamnestie für Gefangene erlässt, scheint diese beendet zu sein. Doch das gegenseitige Verlangen nacheinander und die Einmischung des patriarchalischen Schwiegervaters lassen die Situation eskalieren.

Amnistia ist ein albanischer Film. Er porträtiert albanische Charaktere mit albanischen Problemen auf eine Weise, die möglicherweise kennzeichnend für das junge, albanische Kino werden kann. Schlicht, direkt, schnörkellos.

„Es ist nicht schwer, in Albanien einen Film zu drehen“, sagt Regisseur Bujar Alimani. „Aber es ist schwer, in Albanien einen guten Film zu drehen, weil es keine ausreichende Unterstützung gibt.“ Mit Amnistia ist ihm genau das gelungen. Ein guter, gnadenloser Film.

Von Christian Papesch

Rezension auf Bärlinale 2011

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>