Drei Leben in einem Kino

Noch während der Abspann über die Leinwand läuft, brandet Beifall auf. Vereinzelte Bravo-Rufe und Pfiffe schallen durch den vollbesetzten Saal – und vereinen sich irgendwo in der Weite des Raumes mit dem Applaus. Derjenige, dem er vor allem gilt, wirkt in diesem Moment seltsam teilnahmslos. Starr sitzt er auf seinem roten Sessel und blickt auf die Leinwand – als müsse er den Abspann tatsächlich lesen, um zu wissen, wer an seinem Film mitgewirkt hat. Sollte Dominik Graf in diesem Moment lächeln, so bleibt dies im Halbdunkel des Kinos verborgen.

Auf dem Balkon, nur wenige Höhenmeter von Graf entfernt, klatscht auch Uwe Bortfeld Beifall. Als das Saallicht angeht und die Zuschauer wieder in die Realität des Kinosaals zurückzerrt, reibt er sich die Augen. Uwe Bortfeld ist groß und schlank, trägt einen schlichten schwarzen Anzug – und ist vorher noch nie auf der Berlinale gewesen. „Aber in Lünen, wo ich herkomme, findet auch in jedem Jahr ein Kinofestival statt“, erklärt der 46-Jährige. „Ich bin zwar kein Spezialist, aber ich mag deutsche Filme.“ Dann steht er auf, zupft sich das blaue Hemd zurecht und verlässt den Saal.

Zwei Stockwerke tiefer trifft Uwe Bortfeld auf eine hübsche, junge Kinobetreuerin, die ihn mit einem Lächeln darauf hinweist, dass er seine Karte benötigt, wenn er den Saal nach dem Ende der 15-minütigen Pause wieder betreten will. „Dominik Graf ist einer meiner Lieblingsregisseure – deswegen ist es wirklich schade, dass ich ausgerechnet seinen Teil des Film nicht anschauen konnte, weil ich arbeiten musste“, erzählt Annika, die ihren Nachnamen nicht verraten will. „Wie war er denn so?“

Es ist ein besonderer Anlass, der Uwe Bortfeld – den Geschäftsreisenden aus Lünen – Annika K. – die Journalistin aus Berlin – und Dominik Graf – den Regisseur aus München – an diesen Abend in den Delphi Filmpalast führt. Die Premiere eines mutigen Projekts von drei deutschen Filmemachern, die in drei sehr unterschiedlichen Spielfilmen eine insgesamt 270 Minuten lange Geschichte rund um einen fiktiven Ort am Rande des Thüringer Walds erzählen: „Dreileben“.

„Christians Figur, ein entflohener Sexualstraftäter, der die Menschen in der Gegend verunsichert, führt zwangsläufig zu verschiedenen Geschichten“, erklärt Dominik Graf, der durch eine Hornbrille in die Kameras der Fotografen schaut. „Ich habe die beiden anderen Filme auch zum ersten Mal gesehen – und es ist verblüffend, wie gut sie zusammen funktionieren.“

Christian Petzolds Film „Etwas besseres als den Tod“ erzählt die tragische Liebesgeschichte eines jungen Abiturienten und einer Russlanddeutschen; Dominik Grafs „Komm mir nicht nach“ dreht sich um eine Polizeipsychologin, die während ihrer Arbeit in Dreileben bei ihrer ehemals besten Freundin und deren Ehemann unterkommt. Und Christoph Hochhäusler porträtiert in „Eine Minute Dunkel“ abschließend den entflohenen Sexualstraftäter, der von einem psychisch labilen Polizisten gejagt wird.

Verknüpft werden die in sich geschlossenen Filme nicht nur durch die Einheit von Ort und Zeit, sondern auch dadurch, dass sich die Protagonisten begegnen und sich diese filmübergreifenden Momente auf den weiteren Verlauf der Geschichte auswirken. „Dreileben ist ein Film – und wenn man seine drei verschiedenen Teile zusammen gesehen hat, wird man sie nicht mehr solo anschauen wollen“, meint Dominik Graf, der bislang insgesamt achtmal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

„Dreileben ist auf jeden Fall etwas Besonderes“, findet Annika K. Die gebürtige Hamburgerin lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin. Als Kinobetreuerin bei der Berlinale ist sie für den Einlass, die Ankündigung des Films und die Moderation der Diskussionen verantwortlich. „Drei unterschiedliche Geschichten mit unterschiedlichen Stimmungen, die sich um die gleiche Rahmenhandlung drehen – das ist wirklich einzigartig“, sagt sie und lächelt.

„Ich hätte mir etwas mehr Spannung und eine stärkere Verbindung der drei Filme gewünscht“, murmelt Uwe Bortfeld. Dann gähnt er und streicht sich durch das kurze, dunkle Haar. „Aber es ist ein interessantes und gelungenes Experiment.“ Ein Experiment, das seine beeindruckende, fünfstündige Premiere auf der Berlinale feierte –und sich damit vielleicht auch ein bisschen auf die Leben seiner Besucher ausgewirkt hat. Auf drei Leben in jedem Falle.

Artikel auf Bärlinale2011

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